«Glamour, mon amour»-Kolumne
Das schönste Ei der Welt

Unsere Autorin Simone Meier schreibt diese Woche über die Freude über farblose Eier. Nein, es geht nicht um Ostern.

Simone Meier
Simone Meier
Merken
Drucken
Teilen
Erstaunlich vielen Schweizern werden momentan graue Eier in die Hand gedrückt.

Erstaunlich vielen Schweizern werden momentan graue Eier in die Hand gedrückt.

Bild: zvg

Hatten Sie beim Betrachten einer kleinen grauen Eieruhr schon einmal zärtliche Gefühle? Ich auch nicht! Bis vor kurzem jedenfalls. Seither freue ich mich immer, wenn ich in meinem Handy auf das Bild der kleinen Eieruhr stosse. Sie ist eiförmig und steht auf dem grauen Plastikboden eines weissen Gangs, und was man auf dem Bild nicht sieht, sind die Stuhlreihen zu beiden Seiten des Gangs und die anderen Menschen mit anderen Eieruhren. Einige sind orange, andere pink, die weiteren Farben habe ich vergessen. Zwischen den Stühlen stehen Tische mit Mineralwasser­flaschen und grosse Behälter mit Traubenzucker.

Ahnen Sie, wo ich mich befand? Genau! Dort, wo auch Sie sich schon ein- oder zweimal befunden haben oder demnächst einfinden werden. In einem Impfzentrum. Dort, wo die Schweiz noch Traubenzucker isst. Weil wir von Kindheit an darauf getrimmt werden, dass Traubenzucker Arztbesuche erträglicher machen soll. Und dort, wo wir auf Eieruhren hören. Auf das Zerticken der Wartezeit, 15 Minuten nach der ersten, 5 Minuten nach der zweiten Impfung.

Aber was erzähle ich Ihnen da? Sie kennen das. Oder Sie kennen jemanden, der das kennt. Und sie kennen die Euphorie, die einen überfällt, oder haben davon gehört. Diese Dankbarkeit gegenüber dem vielzahnigen menschlichen Räderwerk in Weiss, das Erst- und Zweit-Impflinge aufnimmt, einweist, durchschleust, impft, mit Nachweisen und Eieruhren versieht und dabei nicht nur freundlich ist, sondern geradezu begeistert, beseelt von der Aufgabe, die ihm da aufgetragen wurde.

Ich wurde noch nie von so vielen netten Worten und kleinen Witzen begleitet wie auf dem Weg durchs Impfzentrum, es war schon fast ein Stafettenlauf der guten Laune, und meine Bewunderung wuchs an jedem Desk, auf jedem weiteren Stuhl einer weiteren Wartezone, bei jeder neuen Kontrollschranke.

Trotzdem kam der schöne Ablauf immer wieder ins Stocken, denn der Mensch ist nun einmal einfach sehr gern unberechenbar, und als ich das erste Mal da war, hatten sich einige Menschen vorgestellt, dass sie schon irgendwie ohne Arzt-Attest an die Reihe kommen würden. Einer fragte: «Wo stand denn das mit dem Attest?» – «Bei der Anmeldung, ganz oben», mischte ich mich rechthaberisch ein, man kann in so einem Fall einfach nicht den Mund halten, die eigene Unfehlbarkeit befriedigt ungemein.

Auch beim zweiten Mal war meine Eieruhr grau. Ich steckte zwei Traubenzucker in meinen Mund und schaute sie fest an, ich wollte unsere schöne Bekanntschaft bis zuletzt auskosten. Das eiförmige Ding schien mir kostbarer als jedes Fabergé-Ei oder mindestens so köstlich wie ein mit Pralinen gefülltes Schokoladen-Osterei. Es war die Queen und der Papst und das Ei des Kolumbus unter den Eiern, und keine Farbe schien mir leuchtender als grau. Und das kurze blecherne Klicken, mit dem es mein Warten beendete, war ein erster Fanfarenstoss auf dem goldenen Weg in künftige Freiheiten.