Glänzendes Rom, leeres Leben

In «La Grande Bellezza» taucht Paolo Sorrentino in die Schönheiten Roms und das ausgelassene Partyleben der High Society ein, macht aber auch in einem grandiosen Bilderbogen die Leere hinter der Oberflächlichkeit sichtbar.

Walter Gasperi
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Der umwerfende Toni Servillo (links) als Jep Gambardella in Paolo Sorrentinos Film «La Grande Bellezza». (Bild: pd)

Der umwerfende Toni Servillo (links) als Jep Gambardella in Paolo Sorrentinos Film «La Grande Bellezza». (Bild: pd)

Die Kamera gleitet um die Fontana Paola am Gianicolo, fährt auf Menschen um das Bauwerk zu, erfasst eine Reiseführerin, die auf Japanisch einen Vortrag hält, einen Chor, der in einem der Bögen des Brunnens singt, einen Touristen, der offensichtlich auf Grund der Hitze – oder vielleicht auch überwältigt von der Schönheit Roms – zusammenbricht, wobei die klassische Musik in Kirchenmusik und ein Gebet des Papstes übergeht.

Abrupt bricht dieser impressionistische Prolog ab und mit dem hysterischen Schrei einer Frau wird der Zuschauer in eine ausgelassene Party versetzt, die auf einer Dachterrasse direkt gegenüber dem Kolosseum abgeht. Nicht nur die Location, sondern auch die Anzüge und Kleider machen klar, dass sich hier die Oberschicht trifft: Es ist die Feier zum 65. Geburtstag des Journalisten Jep Gambardella (Toni Servillo).

Desillusionierter Partytiger

Fulminant ist dieser Auftakt und stimmt auf die folgenden 140 Minuten ein. Nach dem schrägen in Irland und den USA spielenden Roadmovie «This Must Be the Place» kehrt Paolo Sorrentino mit «La Grande Bellezza» zum collagenhaften Stil von «Il Divo» zurück. Wie er dort schillernd ein Porträt des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti zeichnete, so entwirft er hier ein Panorama der römischen High-Society, die zwar ein Leben in Luxus geniesst, hinter dessen Oberfläche aber zunehmend Leere sichtbar wird.

Im Mittelpunkt steht der von Sorrentinos Stammschauspieler Toni Servillo brillant gespielte Jep Gambardella. Einst wollte er Schriftsteller werden und hat vor 40 Jahren sogar einen Roman geschrieben, aber dann verlegte er sich auf den Journalismus. Er interviewte die eine oder andere Berühmtheit, vor allem aber hat er das Leben genossen, Parties gefeiert und Frauen verführt. Jetzt nähert sich aber das Alter und auch die Nachricht vom Tod der ersten grossen Liebe bringt ihn zum Nachdenken: Was ist aus seinen früheren Träumen, was ist aus seinem Leben geworden?

Satirisch, grotesk, tragisch

Unübersehbar an den von Marcello Mastroianni gespielten Reporter in Fellinis «La dolce vita» (1959) ist diese Figur angelehnt, doch während Mastroianni Beobachter blieb, reflektiert Servillos Figur über seine Situation, sucht nach Schönheit, Sinn und Glück. Wie Fellini entwickelt auch Sorrentino die Handlung nicht stringent, sondern macht die zunehmende Desillusionierung Gambardellas und die innere Leere in zahlreichen teils satirischen, teils grotesken, aber auch tragischen Episoden sichtbar. Bissig macht sich der 1970 in Neapel geborene Regisseur über intellektuelles Geschwätz und absurde Kunst-Performances lustig, spottet am Beispiel der Machenschaften eines Botox-Arztes über den Schönheitswahn und lässt in einer ebenso bizarren wie bildstarken Szene eine Schar Flamingos auf Gambardellas Dachterrasse landen. Gleichzeitig stellt Sorrentino der Vergänglichkeit des Menschen die zeitlose Schönheit der Bauten der ewigen Stadt gegenüber.

Barocke Üppigkeit

Kein Verkehrschaos und keine heruntergekommenen Stadtviertel sieht man hier, sondern fast nur klassische Sehenswürdigkeiten: Von der Piazza Navona bis zur Scala Santa, von den Caracallathermen über das Tiberufer bis zu den nächtlichen Palazzi spannt sich der Bogen der Schauplätze, die Kameramann Luca Bigazzi immer wieder grandios ins Bild rückt. Einen rauschhaften Sog entwickelt «La Grande Bellezza» dabei durch das Zusammenspiel von Kamerabewegungen, Schnitt und einem vielfältigen Soundtrack, der durch die Mischung von sakraler und Unterhaltungsmusik die Widersprüchlichkeit der Stadt zum Ausdruck bringen soll. Zur Ruhe kommt dieser übervolle barocke Film erst beim Abspann mit einer mehrminütigen Kamerafahrt auf dem Tiber.

1.9., 19.30 Uhr; 4.9., 20 Uhr; 6.9., 17 Uhr; 8.9., 10.30 Uhr; 10.9., 20 Uhr; 14.9., 21.30 Uhr; 15.9., 20 Uhr; 20.9., 17 Uhr; 22.9., 17 Uhr; 26.9., 21 Uhr; 30.9., 17.30 Uhr, Kinok, Lokremise