Bildstrecke

Gitarren-Gott Eddie Van Halen und das Ende der Eruption

Eddie Van Halen ist in der Nacht auf Mittwoch mit 65 Jahren gestorben. Und mit ihm ein musikalischer Innovator.

Stefan Strittmatter
Drucken
Teilen
Eddie Van Halen beim finalen Akkord von «Jump» während einem Konzert in der Continental Airlines Arena in East Rutherford, New Jersey. Eddie Van Halen, der Gitarrenvirtuoso, dessen Geschwindigkeit, Kontrolle und Innovation auf seinem Instrument die mit seinem Bruder gegründete Band zu einer der erfolgreichsten im Hardrockgruppe machten, starb am Dienstag, 6. Oktober 2020, an Krebs.
16 Bilder
Van Halen, das sind (von links): Bassgitarrist Michael Anthony, Leadsänger Sammy Hagar, Schlagzeuger Alex Van Halen, Leadgitarrist Eddie Van Halen. Van Halens Debütalbum war 1978 erschienen, zum wohl größten Erfolg der Band wurde der Song «Jump» im Jahre 1984.
Van Halen-Leadgitarrist Eddie Van Halen performt den Song «Beat It» mit Michael Jackson auf dessen Victory-Tour. Eddie Van Halen arbeite auch für andere Musiker, was zum Streit mit Sänger David Lee Roth führte, der die Band Mitte der Achtziger verließ.
Van Halen (im Uhrzeigersinn von oben links: Alex Van Halen, Eddie Van Halen, Michael Anthony and Sammy Hagar. Schon früh begannen die holländischen Brüder, Gitarre und Schlagzeug zu spielen. Sie gewannen Musikwettbewerbe und gründeten schließlich schon zu Schulzeiten die Band Van Halen.
Eddie Van Halen während einem Auftritt in Phoenix. Seine Spielweise hat eine ganze Generation von Rockgitarristen geprägt.
Musikalisch blieben sie über Jahrzehnte erfolgreich, privat aber lief es für Eddie Van Halen schwieriger. Von seiner ersten Ehefrau, der Schauspielerin Valerie Bertinelli (links), ließ er sich 2007 scheiden.
Der niederländisch-US-amerikanische Rockmusiker war einer der stilprägendsten und einflussreichsten Gitarristen des Rocks.
2009 heiratete Eddie Van Halen Janie Liszewski.
Eddie Van Halen posiert mit einer seiner Gitarren an der Ausstellung «What It Means to Be American» im Smithsonian's National Museum of American History in Washington.
Eddie Van Halens «Frankenstein»-Gitarre an der Ausstellung «Play It Loud: Instruments of Rock & Roll» im Metropolitan Museum of Art in New York.
In den letzten Jahren hatte er sich von einer Krebserkrankung erholt. Doch nun erlag der Ausnahmegitarrist einem neuerlichen Krebsleiden. Immer wieder sprach er offen über seine Alkohol- und Drogensucht. Diese hatte er nach eigenen Angaben zwar überwunden, doch der Exzess hinterließ Spuren.
Blumen, Kerzen und Gitarrenplättchen neben den Handabrücken von Eddie Van Halen auf dem Hollywood Rock Walk.
Ein Fan legt Blumen nieder.
Se non è vero è ben trovato: Zwei Jahre vor der Veröffentlichung ihres ersten Albums kritzelten die Van Halen-Brüder angeblich ihren Namen in den Beton dieses Bürgersteigs in der Nähe ihres Elternhauses in Pasadena, Kalifornien.
Blumen, Kerzen und Gitarrenplättchen neben den Handabrücken von Eddie Van Halen auf dem Hollywood Rock Walk.
Ein Fan fotografiert Eddie Van Halens Elternhaus in Pasadena, Kalifornien. Eddie Van Halen wurde 1955 in Amsterdam in den Niederlanden geboren, mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder Alex wanderte er als Kind nach Kalifornien aus.

Eddie Van Halen beim finalen Akkord von «Jump» während einem Konzert in der Continental Airlines Arena in East Rutherford, New Jersey. Eddie Van Halen, der Gitarrenvirtuoso, dessen Geschwindigkeit, Kontrolle und Innovation auf seinem Instrument die mit seinem Bruder gegründete Band zu einer der erfolgreichsten im Hardrockgruppe machten, starb am Dienstag, 6. Oktober 2020, an Krebs.

Bild: John Munson/AP (East Rutherford, New Jersey, 22. Juni 2004)

Als Eddie Van Halen Ende der Siebzigerjahre in der Garage mit Stechbeitel und Hammer aus einer Gibson und einer Fender seien «Frankenstrat» zusammenzimmerte, tat er das aus einer Vision heraus. Mit dem krude verarbeiteten und mit farbigen Streifen übersäten Instrument hat er nicht weniger geschafft als eine erneute Revolution der Gitarre.

Eddie Van Halens «Frankenstein»-Gitarre an der Ausstellung «Play It Loud: Instruments of Rock & Roll» im Metropolitan Museum of Art in New York.

Eddie Van Halens «Frankenstein»-Gitarre an der Ausstellung «Play It Loud: Instruments of Rock & Roll» im Metropolitan Museum of Art in New York.

Justin Lane/EPA (New York, 1. April 2019)

So wie nur Jimi Hendrix vor ihm und – zumindest in diesem Ausmass – niemand seit ihm hat Eddie Van Halen der elektrische Gitarre neues Leben eingehaucht. Hatte ersterer mit theatralischen Stilmitteln und kompromisslosem Ausdruck den Blues elektrifiziert, als dieser dem schematischen Rock zu weichen drohte, so hat letzterer den virtuosen Hardrock in neue Sphären gehoben, als der platte Punk Oberhand gewann.

Erdbeben und tektonische Plattenverschiebung

Das 1978 erschienene namen­lose Debütalbum des nach dem Gitarristen und seinem Schlagzeug spielenden Bruder Alex benannten Quartetts löste bei seinem Erscheinen ein kleines Erdbeben aus. Doch schon wenig später waren sich Fans wie Kritiker einig, dass das Album mehr bedeutete: Es zeugte von einer tektonischen Plattenverschiebung, welche die Musikwelt nachhaltig prägen sollte. Ein Journalist urteile damals: «Van Halen machen nichts radikal ­anderes als Led Zeppelin oder Deep Purple vor ihnen – nur ­machen sie es mit viel mehr Schmackes.»

Das galt für die ganze Band, die sich zuvor in den Clubs Kaliforniens mit an Selbstaus­beutung grenzendem Elan die Sporen abverdient hatte und schliesslich über Kiss-Bassist Gene Simmons zu einem Plattendeal mit Warner Brothers fand. Doch galt es im Besonderen für den Gitarristen der Band: Eddie Van Halen, zum Zeitpunkts des Album-Einstands noch keine Mitte Zwanzig, hatte sich bei den richtigen Vorbildern bedient: bei Clapton fürs Phrasing, bei Jimmy Page für den Irrwitz, bei Billy Gibbons für den Klang und natürlich bei Jimi Hendrix für den Mut, neue Wege zu beschreiten. Heraus kam etwas, das grösser war als die Summe der Einzelteile.

Eddis Soli erinnern an eine Katze, die spektakulär die Treppe hinunterstürzt und dann elegant auf den Füssen landet. Eddies Spiel klingt wie ein hochgetuntes Rennauto – in jeder Kurve haarscharf vor dem tödlichen Totalcrash. Da sind die rasiermesserscharfen Läufe, die griffigen Riffs, die astralen Obertöne und die an wiehernde Pferde, röhrende Motoren und fallende Bomben mahnenden Tricksereien mit dem Vibratohebel. Da ist dieser bissige und doch warme Klang, der «brown sound», der seit Jahrzehnten als Heiliger Gral des elektrifizierten Gitarren-­Tons gilt.

Und da ist natürlich das Tapping, diese revolutionäre Spieltechnik, bei der beide Hände auf dem Griffbrett platziert werden. Eddie Van Halen war nicht der erste, der diese Technik für sich entdeckt hat – das hätte der in Holland geborene Amerikaner in seiner bescheidenen Art auch nie behauptet: Billy Gibbons von ZZTop nutzte den Effekt als Spielerei, Steve Hackett von Genesis, um die Läufe des Keyboards zu doppeln. Und auf Youtube findet man alte Aufnahmen von Jazz-Gitarristen, die dem Griffbrett die eine oder andere Note durch einen auf die Saite «gehämmerten» Finger der Zupfhand entlocken.

Doch das, was Van Halen auf seinem Kabinettstückchen «Eruption» (ebenfalls 1978) abfeuerte, war nicht von dieser Welt. Auch über vier Jahrzehnte nach seiner Entstehung klingt das 102 Sekunden kurze Solostück, als stamme es aus der ­Zukunft.

Flinke Finger, Innovation und treffsicherer Instinkt

Doch tut man Eddie Van Halen unrecht, wenn man ihn auf ­seine flinken Finger reduziert, denn er war auch ein begnadeter Rhytmusgitarrist und innovativer Songschreiber. Selbst bei «Jump» (1984), dem grössten Hit der Band, setzte Eddie Van Halen mit treffsicherem Instinkt seinen Kopf durch: Das für die Band untypisch poppige Stück bricht mit den Schablonen des Pop, hat keinen wirklichen ­Refrain, viel zu komplexe Soloparts, sowie – Mitmusiker und Management waren entsetzt – den Gitarren-Gott Eddie hinter dem Keyboard statt an seinem Stamminstrument.

Regeln waren Van ­Halen stets zuwider: «To hell with the rules. If it sounds right, then it is» lautet ein viel zitiertes Credo: Es stimmt, wenns gut klingt. Und das tat es. Vier Jahrzehnte, ein Dutzend ­Alben und eine gefühlte Milliarde Noten lang.

In der Nacht auf Mittwoch hat Eddie Van Halen im Alter von 65 Jahren seinen mehrfach geführten Kampf gegen den Krebs verloren, wie sein Sohn Wolfgang auf Twitter bestätigte. Der langjährige Frontmann ­David Lee Roth bedankte sich auf dem gleichen Kanal für den «langen und grossartigen Trip». Man kann sich nur anschliessen: Lang lebe König Edward!