Giftgas im Wohnzimmer

Andreas Schulze malt Abgase, die aus Auspuffrohren quellen, plaziert Dreckecken im Museum und lässt Würste schweben. Das Kunstmuseum St. Gallen zeigt das eigenwillige und humorvolle Schaffen des 60jährigen Deutschen.

Christina Genova
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Es blüht der Jasmin aus Andreas Schulzes Selbstporträt in Form eines Blumentopfs. (Bild: Jakob Ineichen)

Es blüht der Jasmin aus Andreas Schulzes Selbstporträt in Form eines Blumentopfs. (Bild: Jakob Ineichen)

Schon im Treppenhaus kommt es zur Überforderung: Was nur hat Andreas Schulze auf diesem Gemälde dargestellt? Gerne möchte man das Grau in Grau gehaltene Gebilde benennen, das sich wahlweise als ein von Barbapapa inspirierter, düsterer Wohnbunker oder pralle Wurst mit Ausläufern interpretieren lässt. Mit gutem Willen lassen sich Bezüge zu Hans Arp oder den Surrealisten herstellen, doch führen sie nicht zur Auflösung, sondern in eine Sackgasse.

Diebische Freude

Es herrscht gelinde gesagt eine gewisse Ratlosigkeit bei der Deutung von Andreas Schulzes Kunst. «Seine Bilder geben Rätsel auf», sie seien «radikal anders» und «höchst eigenwillig», sagt Konrad Bitterli, Kurator der Ausstellung «Nebel im Wohnzimmer» im St. Galler Kunstmuseum. Seit der letzten Schau Andreas Schulzes in der Schweiz sind über zwanzig Jahre vergangen.

Wenn selbst Kunsthistoriker daran scheitern, Andreas Schulze einer bestimmten Kunstrichtung zuzuordnen, dann hat der Künstler, der als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf lehrt, sein Ziel erreicht und freut sich wohl insgeheim diebisch. Denn vor seinen Bildern soll man nicht vor Ehrfurcht erstarren oder sich das Gehirn über deren Bedeutung zermartern. Konrad Bitterli sagt: «Andreas Schulze will in der Malerei keine transzendentale Erfahrung mehr vermitteln.» Darauf, aber auch auf die Entmythisierung der hehren Hallen der Kunst hat er es angelegt.

Der Schweizer Skiunfall

Andreas Schulze gehört zu jenen Künstlern, die sich in den 1980er-Jahren von der allzu intellektuellen Konzeptkunst und dem Minimalismus der vergangenen Jahrzehnte abwandten und für eine neue Sinnlichkeit der Malerei stark machten. Der graue Wurstbunker vom Treppenhaus ist insofern programmatisch für Andreas Schulzes Schaffen, als dass ein wurstig-wulstiges Formenrepertoire zu seinen Markenzeichen gehört: «Es ist ein bisschen wie Vermicelles», sagt dazu der Künstler. Auch ein dadaistisch anmutendes, schwarz-weisses Styropor-Objekt reiht sich nahtlos darin ein. Auf seine biomorphe Form anspielend, sagt Schulze lakonisch: «Für die Schweiz könnte man es in <Skiunfall> umbenennen.» Das wulstige Gebilde scheint über einem mit einer Husse bedeckten Tisch zu schweben, so dass man gleich an einen Altar denken muss. Ein Wurstaltar – das ist kein allzu abwegiger Gedanke in einer Stadt, wo man stolz der (Brat-)Wurst huldigt, die ein Stück Identität darstellt. Besser könnte man die Überhöhung des Banalen, die in unserer Gesellschaft immer mehr überhand nimmt, nicht vorführen.

Selbstporträt als Blumentopf

Auffallend ist, dass Andreas Schulze immer wieder in den Raum ausgreift, um uns in die Falle bürgerlicher Behaglichkeit tappen zu lassen: etwa mit seinen nostalgischen Lampenobjekten, die neben seltsamen Blumenstillleben stehen, oder den mit Topfpflanzen bestückten Keramiken – Selbstporträts des Künstlers. Doch was er von dieser biederen Gemütlichkeit hält, offenbart sich im Gemälde, das der Ausstellung den Titel gegeben hat: Denn dort verflüchtigen sich die Wohnträume in Form von giftigen Gasen. Wir schauen von aussen ratlos in die entleerten Wohnräume und wieder folgt Andreas Schulzes trockener Kommentar: «Ist wahrscheinlich in Holland» (wegen der fehlenden Vorhänge).

Triefende Ironie

Eine gute Portion Humor braucht es schon, um Zugang zu Schulzes Welt zu finden, und man muss es aushalten, dass viele seiner vor Ironie triefenden Werke sich letztendlich nicht entschlüsseln lassen. Es ist vielleicht diese Haltung, dem Leben und auch der Kunst gegenüber, die uns Andreas Schulze vermitteln will, nicht mehr und nicht weniger. Aber das ist schon viel angesichts unserer verrückten Welt.

Bis 17.5. Schöne Publikation zur Ausstellung erschienen 2014 bei Strzelecki-Books, 112 S., 38 Fr.

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