Giacometti, fast privat

Kunstmuseum Chur Eine bislang unbekannte Sammlung von Fotografien von Alberto Giacometti überrascht mit teils intimen Aufnahmen des Künstlers. Ein Buch und eine Ausstellung in Chur geben Einblick. Ursula Badrutt Schoch

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Verletzlich: Arnold Newman: Alberto Giacometti im Atelier, Paris, 1954. (Bild: Kunstmuseum Chur)

Verletzlich: Arnold Newman: Alberto Giacometti im Atelier, Paris, 1954. (Bild: Kunstmuseum Chur)

Was für ein Mann! Zugegeben: Das Gesicht ist furchig, der Teint verraucht, der Blick emotionslos, die Haltung schlaff. Doch das tut der Attraktivität und Präsenz keinen Abbruch. Im Gegenteil. Alberto Giacometti ist fotogen. Auch im Bild von Arnold Newman, das den 53jährigen Künstler in einer Ecke seines Ateliers in Paris zeigt und ihn an den unteren Bildrand drückt. Damit wird viel Wand sichtbar. Der rückwärtige Verputz blättert, dazwischen sind Kritzeleien und Skizzen des Künstlers auszumachen.

Mensch und Werk rücken im Raum nah zusammen. So kennen wir ihn. Ein Mythos von einem Mann, ein Hypnotiseur, ein Künstler, der mit seinem Schaffen eins wird.

Doch etwas ist anders. Der Künstler kippt weg, er lässt sich gehen, einen Sekundenbruchteil vielleicht nur macht die Konzentration einer akuten Verletzlichkeit Platz. Und anders als auf praktisch allen je gesehenen Aufnahmen trägt Giacometti hier weder Krawatte noch Schleife – er, der sogar auf Berggipfeln mit Krawatte erscheint. Ist der Künstler hier ausser Dienst?

Vertrautheit der Eheleute

Und erst das Bild vor dem Haus in Stampa! Die Augen gesenkt umarmt er Annette, seine Frau, und legt ihr schon fast frivol gar eine Hand auf den Hintern. So viel Vertrautheit zwischen den beiden war bislang nicht an die Öffentlichkeit gekommen. Dafür die Geschichte der zerrütteten Ehe und der Geliebten Caroline. Im Bergell aber ist diese weit weg.

Bei derselben Gelegenheit entsteht ein Bild, das Annette an der Fensterbrüstung zeigt, und Alberto von hinten – mit unschöner Glatze; auch die war bislang unsichtbar. Genauso wenig ein Giacometti mit mal verschmitztem, mal schlicht freundlichem Lachen.

Ein Schatz zum Abschied

Es sind Fotografien, die bis vor kurzem grösstenteils ohne Öffentlichkeit waren. Fotografien von berühmten Fotografen wie Henri Cartier-Bresson, Herbert Matter, Kurt Blum, aber auch von unbekannten; andere Aufnahmen sind gar anonym.

Alberto Giacometti hat sie in losen Mappen aufbewahrt, zurückbehalten, gehütet. Jedenfalls nicht weggeworfen. Einige sind aus Sequenzen aussortierte Aufnahmen, die dem Bild, das die Welt vom Künstler haben soll, nicht entsprachen, oder die schlicht missglückt, zweite, dritte Wahl sind. Andere sind vielleicht zu intim und privat. Vielleicht wollte auch Annette sie behalten. Über Giacomettis 1993 verstorbene Frau sind sie zu einem Sammler gekommen, der sie nun dem Bündner Kunstmuseum angeboten hat. Dank eines privaten Käufers hat das Konvolut, zu dem auch 15 Zeichnungen gehören, als Dauerleihgabe den Weg ins Museum gefunden. Es ist die letzte Ausstellung von Beat Stutzer, der nach vierzig Jahren mit dieser würdevollen Präsentation den Direktorensitz seinem Nachfolger Stephan Kunz freigibt.

Neue Facetten des Faszinosums

Mit Sicherheit war Alberto Giacometti die öffentliche Wirkung von Fotografien bewusst. Und offensichtlich wusste er auch um die manipulative Kraft der Bilder.

Man ist fast veranlasst, aufgrund des neuen Fotomaterials das Bild, das wir bislang vom Künstler hatten, zu revidieren. Aber nur fast. Eher sind es neue Facetten, die sich mit den Fotografien eröffnen und das Bild vom Menschen als Menschen präzisieren.

Unzählige Publikationen zeugen von der Attraktivität Alberto Giacomettis für Fotografen. Das hat ihm einen Platz im kollektiven Bildgedächtnis gesichert. Kaum ein Buch – und es sind nicht wenige –, das den Künstler nicht auch in Fotografien zeigt. Das gilt bereits für die erste Monographie, die 1958 über Giacometti erscheint und die den Künstler nicht nur mit seinem Werk vorstellt, sondern auch mit rund 60 Fotografien von Ernst Scheidegger.

Auch fünfundfünfzig Jahre nach seinem Tod hat Alberto Giacometti nichts von seiner Faszination verloren. Oder doch? «Ist das der von der Hunderternote?», vergewissert sich die bald erwachsene Tochter vor dem Eingang ins Museum und lässt sich zu einem Schnelldurchgang motivieren – wohl weniger, weil ihr der Mann gefällt, als vielmehr aus Respekt vor dem, der es auf die blaue Banknote geschafft hat.

Alberto Giacometti, Neu gesehen, Bündner Kunstmuseum Chur, bis 4. Sept., Di–So 10–17 Uhr, Publikation Scheidegger & Spiess Zürich, Fr. 49.–

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