Gezwitscherter Spionage-Thriller

140 Zeichen bieten wenig Raum. Erst recht für einen Roman. Pulitzer-Preisträgerin Jennifer Egan experimentierte mit Tweets und hat den Roman «Black Box» in Form von rund 600 Kurznachrichten veröffentlicht. Nun liegt er als deutsches Buch vor.

David Nägeli
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Tweets sind kurz. Für aneinandergereihte Adjektive oder ausufernde Sätze bieten sie keinen Platz. Dass mit ihnen trotzdem geistreiche und literarisch anspruchsvolle Geschichten erzählt werden können, beweist Jennifer Egan mit dem Spionage-Thriller «Black Box». Ein Roman, der vollständig in Form von rund 600 Tweets veröffentlicht wurde. Mit grossem Erfolg: «Sprache wird zur Waffe, also Obacht vor der Frau mit der 140-Zeichen-Magnum», schrieb der «Spiegel» .

Spionage und Digitalprothesen

«Black Box» dreht sich um aktuelle Themen: Technologie, Spionage und Patriotismus – und um den weiblichen Körper. Derjenige der Protagonistin ist mit Extras aus der Computerwelt veredelt: Eine Kamera steckt im einen, ein Blitzlicht im anderen Auge, und ein Tonband im Körper wird mit sanftem Druck auf das Ohrläppchen aktiviert.

Als namenlose Heldin schleicht sich die Spionin in fremde Betten und in fremde Welten. Den Kampf gegen das organisierte Verbrechen führt sie aus Heimatliebe. Im Auftrag des Geheimdienstes beschattet sie ihren «Auserwählten» und schläft auch mit ihm. Ohne Entlöhnung, aber mit dem Gewissen, «das Richtige zu tun».

Kalenderweisheiten

Werden die Tweets aus dem Kontext gerissen (wie es auf der hektischen Online-Plattform von Twitter oft vorkommt), bleiben literarische Kalenderweisheiten oder Selbsthilfe-Sprüche: «Das Rauschen der Wellen existierte Jahrtausende bevor es Lebewesen gab, die es hören können.» Darauf folgen schnell die Anweisungen des Geheimdienstes: «Spiegele all seine Einstellungen, Interessen, Wünsche und Vorlieben.» «Erst dann kannst du anfangen, systematisch Informationen zu sammeln.»

Die Gedanken der Protagonistin verfliessen mit Geheimdienstwissen. Bald weiss der Leser nicht mehr, ob hier die Heldin selbständig denkt, oder nur roboterhaft eingeprägte Anweisungen abspult.

Wie lange dauert ein Mord, eine Flucht, eine Schiesserei? In Egans Sprache: Drei, vielleicht vier Tweets. Die Form erlaubt Tempo, fordert es vielleicht sogar. Ein schneller Roman für eine schnelle Welt. Die Wendungen sind kurz und scharf. Nach dem Sex der Heldin mit ihrem «Auserwählten» am Meer folgt nüchtern: «Salzwasser besitzt eine desinfizierende Wirkung.»

Moderne Fortsetzungsromane

Egan wollte mit «Black Box» auch das Genre der Fortsetzungsromane neu beleben. Als Klassiker der Gattung gilt der Roman «Oliver Twist» von Charles Dickens. Als dieser periodisch abgedruckt wurde, musste man teils Monate warten, bis man das nächste Kapitel lesen konnte. Die Tweets zu «Black Box» hingegen erschienen im Stundenrhythmus – die Autorin hat sie bereits im voraus verfasst. Während «Oliver Twist» zu Beginn der Industrialisierung spielt, hat diese in «Black Box» ihren Höhepunkt erreicht. In der schnellen Erzählform, wie auch im Inhalt als Spionage-Thriller.

Gedruckt ist der Roman innert weniger Stunden gelesen. Als Experiment einer modernen Fortsetzungsgeschichte wird der Roman aber länger nachhallen.

Jennifer Egan: Black Box (Verlag Schöffling & Co./2013)

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