Gezähmter Urwald in der Kunsthalle

Irene Kopelman und Stefan Burger wühlen sich durch zwei komplexe Systeme – den Dschungel und die Kunstwelt.

Christina Genova
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Irene Kopelman analysiert den Urwald. (Bild: Urs Jaudas (Urs Jaudas))

Irene Kopelman analysiert den Urwald. (Bild: Urs Jaudas (Urs Jaudas))

Man nennt ihn auch grüne Hölle. Der Dschungel ist Synonym für Kontrollverlust und wild wuchernde Natur. Drei Urwälder auf zwei Kontinenten hat die in Amsterdam lebende argentinische Künstlerin Irene Kopelman im letzten Jahr besucht und die Ausbeute ihrer künstlerischen Recherchen in die Kunsthalle St. Gallen gebracht.

Verdichtete Natur

Doch wer üppige, überbordende Wildnis oder gar einen zweiten Masoala-Regenwald erwartet hat, wird enttäuscht. Denn Kopelmans Repräsentationen des Urwalds sind konzeptioneller Natur.

An den Wänden hängen kleinformatige Bilder, in einer Vitrine filigrane Zeichnungen. Man muss nahe herantreten, um zu erkennen, was sie darstellen.

Das scheinbar Unmögliche, der vielfältigen Sinneseindrücke habhaft zu werden, bewältigte Kopelman in hoch systematischer Manier. Inspirieren liess sie sich dabei von den Methoden der Forscherinnen und Forscher, deren Expeditionen sie sich jeweils anschloss. In Peru, ihrer ersten Station, öffnete die Künstlerin «Fenster» in den Urwald, das heisst, sie zeichnete Ausschnitte, die stellvertretend für das Ganze stehen. Deren Begrenzung legte sie an jenen Stellen fest, wo sich Lianen, Äste oder Baumstämme kreuzten. Verdichtete Natur zeichnete Irene Kopelman auch, indem sie versuchte, die dunkelsten Stellen des Dschungels, die fast schwarz erscheinen, festzuhalten.

In Panama wählte Kopelman eine andere Strategie der Annäherung und spannte dort Netze, sogenannte Laubfallen. Die Ausbeute eines Tages – von Raupen zerfressene Blätter und kleine Äste – zeichnete sie präzise auf Papier. In Malaysia hingegen beschäftigte sie sich mit immensen Vielfalt an Grüntönen, die sie dort vorfand. In Farbstudien versuchte sie mit Gouache, sich der Farbpalette von Blättern stufenweise anzunähern.

Skurrile Fototapete

In den Dialog mit Kopelmans poetischen Urwaldbetrachtungen tritt die Installation des in Zürich lebenden Deutschen Stefan Burger. Es geht ihm darum, die Komplexität des Kunstsystems, dessen Eigenlogik und unzählige Verflechtungen sichtbar zu machen. Zum einen geschieht dies über die Kollektion von sogenannten «Ephemera» des Zürchers Christoph Schifferli. Dieser sammelt die flüchtigen Druckerzeugnisse, die von der Kunstwelt produziert werden: Flyer, Einladungskarten für Vernissagen, Visitenkarten, Ausstellungsplakate. Burger arrangierte diese Ausfällungen der Kunstwelt dank Photoshop an einem Gerüst, legt Pfannkuchen darüber und Gemüse dazwischen. Das Ganze brachte er als skurrile Fototapete an eine Wand der Kunsthalle an.

Kritische Auseinandersetzung

Ergänzt wird diese Visualisierung der Schifferli-Sammlung durch das Archiv des Münchner Fotografen Georg A. Hermann. Seit Jahren beschäftigt sich dieser obsessiv mit der Kunstwelt und fehlt an kaum einer Vernissage. Dort fotografiert er Künstler, Sammler, Musen, Kuratoren. Stefan Burger projiziert eine Auswahl seiner gesammelten Schnappschüsse und Zeitungsausschnitte als Diashow an die Wand und schafft damit Querbezüge zu den Ephemera Schifferlis, die zum Beispiel auf Veranstaltungen hinweisen, wo Hermann fotografiert hat. Burger nimmt mit seiner ironischen Installation ein System auf die Schippe, das sich gerne selbst beweihräuchert, sich häufig selbst genügt und sich selten kritisch hinterfragt.

Kunsthalle St. Gallen, bis 12.5.2013

Stefan Burger demontiert das Kunstsystem. (Bilder: Urs Jaudas)

Stefan Burger demontiert das Kunstsystem. (Bilder: Urs Jaudas)

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