Gewiefter Frauenversteher

Pharrell Williams legt mit «Girl» sein zweites Soloalbum vor. Darauf singt er über die Gefühle der Frauen, lässt sich von Gaststars featuren und knüpft an seine Erfolge mit den Überhits «Happy» und «Blurred Lines» an.

Renzo Wellinger
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Hat die Charts momentan ziemlich im Griff: Pharrell Williams. (Bild: pd)

Hat die Charts momentan ziemlich im Griff: Pharrell Williams. (Bild: pd)

London ist happy. Abu Dhabi, Sydney und Hongkong auch. Und St. Gallen ebenfalls. Überall auf der Welt hüpfen vorwiegend junge Menschen zu ein und demselben Song klatschend, tanzend und mit einem Dauergrinsen im Gesicht durch die Strassen – zu bestaunen in unzähligen YouTube-Clips. Pharrell Williams hatte es in seinem 24-Stunden-Musikvideo zum Song «Happy» vorgemacht und damit einen weltweiten Smash-Hit gelandet.

Allein in der Schweiz hält sich der Gute-Laune-Song seit über zwei Monaten auf Platz eins der Single-Hitparade. Diese Woche erobert der 40-Jährige mit dem dazugehörigen Album «Girl» ebenfalls die Chartspitze. Pharrell Williams ist nicht nur am Puls der Zeit, er ist der Puls des Pop. Mit «Happy» gelang Pharrell Williams ein Sommerhit mitten im Winter. Bis Juni wird uns der Chartdauerbrenner vermutlich schon ziemlich auf die Nerven gehen.

Der Soundtrack für den Strand

Macht nichts. Auf seinem zweiten Soloalbum nach dem wenig beachteten Début «In My Mind» von 2006 hält der Sänger, Rapper und Hit-Produzent weitere potenzielle Hits bereit. Das schwerelose «Gust Of Wind» zum Beispiel ist wie gemacht für entspannte Tage am Strand. Der Song würde sich perfekt in die Westcoast-Grooves von Daft Punks «Random Access Memories» einreihen. Im melancholischen Refrain sind die typischen Roboterstimmen des französischen Elektroduos zu hören, das an Disco-Legende Nile Rodgers erinnernde Gitarrenriff stammt von Newcomer Francesco. Für «Girl» holte sich der gut vernetzte Tausendsassa Pharrell Williams eine prominente Gästeschar ins Studio. Mit seinem musikalischen Langzeitpartner Justin Timberlake liefert er sich auf «Brand New», einer respektvollen Liebeserklärung an die Traumfrau, ein regelrechtes Falsett-Battle. «Come Get It Bae» ist ein funky Pop-Song, den Pharrell Williams mit Miley Cyrus einsang – die beiden machen einen Ausflug auf dem metaphorischen Motorrad. Darüber hinaus sind auf «Girl» Kelly Osborne, Timbaland und R'n'B-Sängerin JoJo mit von der Partie. Hans Zimmer – der Dieter Bohlen der Filmmusik – steuert die Streicher-Arrangements bei.

Im Duett mit Alicia

Mit Alicia Keys spielte Pharrell Williams das von einem Reggae-Beat unterlegte Duett «Know Who You Are» ein. Der Musiker gibt den einfühlsamen Frauenversteher, der weiss, wer Frauen sind und was sie fühlen: «I know who you are and I know what you're feeling», singt er.

Ein cleverer Schachzug: Nachdem sein für Robin Thicke produzierter Überhit «Blurred Lines» im vergangenen Jahr aufgrund anzüglicher Lyrics und eines freizügigen Videos eine feministische Debatte in der Popmusik auslöste, verneigt sich Pharrell Williams nun vor der Damenwelt. Marilyn Monroe, Kleopatra und Jeanne d'Arc sind ihm völlig egal, singt er im Album-Opener, «Marilyn Monroe». Er will ein anderes, ein ganz bestimmtes «Girl», eines, für das er keine Adjektive braucht.

Natürlich ist auf «Girl» auch «Happy» zu hören. Den Oscar für den Song aus dem Animationsfilm «Ich – Einfach Unverbesserlich 2» erhielt Pharrell Williams zwar nicht, dafür räumte er allein dieses Jahr vier Grammys ab, unter anderem wurde er zum «Produzenten des Jahres» geadelt. Innerhalb der letzten Jahre avancierte Pharrell Williams zu einem der stilprägendsten Hit-Macher. Er brachte den Groove zurück, machte Hip-Hop geschmeidiger und Pop wieder spannend. Pharrell Williams ist ein Phänomen. Der ewig jung aussehende 40-Jährige begeistert mit seinen Produktionen Hollywood-Stars, breitbeinige Hip-Hopper sowie junge Musikfans und deren Omas gleichermassen. Dabei kannten viele seinen Namen bisher lediglich aus den Album-Credits anderer Stars – «Producer by» oder «featuring» Pharrell Williams. Erste Erfolge feierte der Multiinstrumentalist aus Virginia Beach zusammen mit Chad Hugo als Produzenten-Duo The Neptunes.

Erfolgreicher Nerd

Gemeinsam verhalfen sie Kelis mit dem Début «Kaleidoscope» zum Durchbruch, machten Boyband-Schnucki Justin Timberlake mit dem Album «Justified» zum smarten Frauenschwarm und bescherten Stars wie Nelly («Hot In Here») und Snoop Dogg («Drop It Like It's Hot») Welthits. Mit seiner Band N.E.R.D. veröffentlichte Pharrell Williams zudem vier Studioalben. Weltweit verkauften sich die Produktionen des Multitalents über 100 Millionen Mal.

Der bisherige Höhepunkt: das Musikjahr 2013, dem Pharrell Williams mit seinen Kollaborationen mit Daft Punk und Robin Thicke seinen Stempel aufdrückte. Mit seinen eleganten, von Hip-Hop, Motown-Soul, 80s-Funk und 70s-Disco inspirierten Songs verdrängt Pharrell Williams den stumpfen Dance-Pop aus den Charts.

Mit «Girl» ist Pharrell Williams ein abwechslungsreiches Album gelungen, prall gefüllt mit anzüglichen Texten. Und auch wenn uns sein Überhit «Happy» vermutlich schon ziemlich bald ziemlich fest auf die Nerven gehen wird, ist «Girl» ein tadellos produziertes Pop-Album.

Pharrell Williams «Girl» (Sony Music) Live: Open Air Frauenfeld, vom 10. bis 12. Juli 2014