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Geträumte Interviews mit Gallus

Gabrielle Alioth lebt und schreibt seit langem dort, wo Gallus um das Jahr 590 zu seiner Missionsreise aufbrach: in Irland. In ihrem neuen Roman «Gallus, der Fremde» macht sich die Basler Schriftstellerin auf die Suche nach dem Wesen und den Beweggründen des Heiligen.
Bettina Kugler
Aus der Schweiz nach Irland: Dort hat Gabrielle Alioth «Narrenfreiheit» beim Schreiben. (Bild: Silvia Wiegers)

Aus der Schweiz nach Irland: Dort hat Gabrielle Alioth «Narrenfreiheit» beim Schreiben. (Bild: Silvia Wiegers)

Ein Hund stiftet die literarische Verbindung zwischen Gabrielle Alioth und dem jungen Mann, der um das Jahr 690 im Gefolge des glaubensstarken Abenteurers Columban an der Küste Irlands ein Boot besteigt und in Richtung Festland segelt: Gallus, Wandermönch und Missionar, Namenspatron von Stadt und Kanton St. Gallen. Im Traum erscheint der Hund dem Heiligen in ihrem neuen Roman «Gallus, der Fremde»: in einer unruhigen Nacht in jenem modrigen Wald, in dem er mit einer Schar von Brüdern lebt und Pilger beherbergt. Das Traumbild ist lebhafte Erinnerung an die Zeit des Aufbruchs, an die Bucht mit den weissen Schaumrändern der Wellen auf dem Sand. Ein Bild, das Gallus mit auf die weite Reise nimmt.

Umgekehrte Wege zwischen Irland und der Schweiz

An einem Wendepunkt ihres Lebens – sie hatte sich gerade von ihrem Mann getrennt – war es just dieser fremde Hund am Strand in Irland, der Gabrielle Alioth ein Zeichen gab. «Ich war kurz davor, wegzugehen, der Insel den Rücken zu kehren. Der Hund sprang freudig auf mich zu; das erschien mir wie eine Einladung, zu bleiben.» In dieser Zeit reifte die Idee, ein Buch über Gallus zu schreiben. Jahrzehnte zuvor war die 1955 in Basel geborene Schriftstellerin den umgekehrten Weg der Mönche gegangen. Sie hatte die Schweiz zurückgelassen und war nach Irland gezogen. Dort sind ihre Bücher entstanden: vorwiegend historische Romane; Geschichten, die Geschichte lebendig machen. In Irland spürte Gabrielle Alioth zum ersten Mal, wie stark ein Ort den Menschen formen kann. Sie begann, den Geschichten zu folgen, die auf der Insel seit Jahrhunderten erzählt werden: Keltischen Sagen, Legenden rund um die irischen Heiligen. Auch sie haben dazu beigetragen, dass Gabrielle Alioth in Irland blieb. Den grössten Teil des Jahres lebt sie dort; «ich habe dort meine Narrenfreiheit, niemand weiss so genau, was ich mache.» «Sitting on the fence», auf dem Zaun sitzend, so sieht sie ihre Position als Schriftstellerin: nah am Stoff, doch auch mit Blick ins Weite.

Inspirierende Lücken zwischen den Fakten

Ihren eigenen Aufbruch, die Ankunft in der noch offenen Zukunft hat sie dem Gallus-Roman leitmotivisch eingeschrieben. Sie selbst ist die Frau aus der Gegenwart, die Gallus in seine Zeit nachwandert, die Schlucht hinauf. Sie ist die Frau mit dem Schreibblock, die den verschlossenen Alten mit ihren hartnäckigen Fragen verfolgt, um nicht zuletzt sich selbst und ihre eigene Geschichte besser zu verstehen.

«Das Gallusjubiläum 2012 hat mir die Recherche leicht gemacht», erzählt die Schriftstellerin bei einem Treffen in Zürich. «Das zuvor verstreute Wissen wurde für die Jubiläumsausstellung in der St. Galler Stiftsbibliothek gründlich erforscht und gebündelt.» Sie selbst zieht sich gern in die Geborgenheit von Bibliotheken zurück; oft findet sie in einem Halbsatz Stoff für einen komplexen Roman. So wichtig ihr Treue zu gesicherten Fakten ist, so sehr reizt es sie, die Lücken dazwischen mit ihren Spekulationen zu füllen. Im Fall von Gallus und Columban sind sie riesig. Nach St .Gallen hat sie besondere Verbindungen: Bereits ihr Roman «Die entwendete Handschrift» führte in die Stiftsbibliothek.

Erfolgsbiografien findet sie «endlos langweilig»

Bewusst hat sich Gabrielle Alioth für mehrstimmiges Erzählen entschieden und für eine sprunghafte, puzzleartige Struktur. Aus ihr ergibt sich nach und nach ein sinnliches Bild der Vergangenheit, von Gallus’ Wurzeln im irischen Bangor über das Unterwegssein bis zur Begegnung in der Einsiedelei – die, wie der Schluss nahelegt, vielleicht nur ein Traum ist. Sie erzählt keine stringente Heiligengeschichte, sondern von einer Spurensuche.

«Mich interessierte besonders, was Columban und Gallus verband und was nach so vielen gemeinsamen abenteuerlichen Jahren zu ihrer Trennung führte.»

Im Roman spiegelt sich dieses Motiv in der scheiternden Liebesgeschichte der Frau. «Über erfolgreiche Leute zu schreiben, ist endlos langweilig», findet Gabrielle Alioth. «In jedem Aufbruch steckt eine Erinnerung an die Vertreibung aus dem Paradies», heisst es an einer Stelle des Romans. Buch für Buch macht sie sich neu auf die Suche. «In dem, was wir finden», so lässt sie Gallus am Ende sagen, «liegt alles, was wir verloren haben.» Im Schreiben kam Gabrielle Alioth ein verletzlicher Heiliger näher.

Gabrielle Alioth: Gallus, der Fremde. Lenos, 246 S., Fr. 30.– Lesung Mittwoch, 24.10., 20 Uhr, Buchhandlung Rösslitor St. Gallen

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