In «Kasimir und Karoline» am Theater Konstanz zeigt sich, wie Menschen sich in Umbruchzeiten zunehmend radikalisieren

Intendant Christoph Nix und Choreografin Zenta Haerter gelingt es, die Zeitlosigkeit von Horváths Stück herauszuarbeiten.

Valeria Heintges
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Die Beziehung zwischen Kasimir (Odo Jergitsch) und Karoline (Antonia Jungwirth) zerbröselt. (Bild: Ilja Mess)

Die Beziehung zwischen Kasimir (Odo Jergitsch) und Karoline (Antonia Jungwirth) zerbröselt. (Bild: Ilja Mess)

Co-Leitungen sind sehr in Mode. Aber dass sich ein Regisseur und eine Choreografin den Regiestuhl teilen, das ist selten. Die Zusammenarbeit von Christoph Nix und Zenta Haerter für Ödön von Horváths «Kasimir und Karoline» am Theater Konstanz beweist, dass sich das ändern sollte. Denn dort, wo dem scharf denkenden Intendanten Nix sozusagen die Worte fehlen, setzt Zenta Haerters Choreografie ein.

Das Appenzeller Musikduo Noldi Alder an der Geige und Töbi Tobler am Hackbrett verstärkt die Zirkusatmosphäre. (Bild: Ilja Mess)

Das Appenzeller Musikduo Noldi Alder an der Geige und Töbi Tobler am Hackbrett verstärkt die Zirkusatmosphäre. (Bild: Ilja Mess)

Ihre Arbeit umfasst nicht nur die Akrobaten, die den Hintergrund mit schattenspielartigen Paraden bebildern und sich dafür in Eisbärenkostüme oder in an Cremetörtchen erinnernde Schaumstoff-Gebilde werfen. Sondern auch die Schauspieler, die sich wie Puppen bewegen oder eine Rangelei so zerdehnen, dass sie wirkt als wäre sie in Zeitlupe gedreht. Das Appenzeller Musikduo Noldi Alder an der Geige und Töbi Tobler am Hackbrett verstärkt die zirzensische Atmosphäre mit perlenden, beinahe traumartigen und auf jeden Fall traumhaften Tönen.

Sätze, spitz und scharf wie Stiche

Das passt zu Horváth, der sein Geschehen um die zerbröselnde Beziehung von Kasimir und Karoline aufs Oktoberfest legt und es in sich karussellartig vorbeidrehenden Kurzszenen erzählt. Kasimir, dem am Tag zuvor gekündigt wurde, ist nicht in Feierlaune. Karoline hingegen treibt der Wunsch nach Eiscreme und Achterbahnfahren erst in die Arme des Zuschneiders Schürzinger, dann, als der sie gegen eine Beförderung an seinen Chef weitergibt, fast in das Bett des Kommerzienrats Rauch.

Achterbahnfahrt mit Kommerzienrat Rauch (Harald Schröpfer).

Achterbahnfahrt mit Kommerzienrat Rauch (Harald Schröpfer).

So unbeholfen die Figuren sich über den Rummelplatz schieben, so unbeholfen fassen sie ihre Gefühle und Gedanken in Worte; sie äussern Sätze, spitz und scharf wie Stiche. «Man hat halt oft eine Sehnsucht in sich», sagt Karoline am Ende, «aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als wär man nie dabei gewesen.» Horváths diagnostiziert genau, wie in Umbruchzeiten finanzielle Not das private Miteinander zersetzt. Und wie Menschen sich zunehmend radikalisieren und in Grobheiten flüchten, wenn das Leben über ihnen zusammenschlägt.

Nix und Haerter belassen Horváth in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Aber sie ziehen ihm mit Akrobatik und Zirzensik, mit spiegelnden Decken und Böden (Bühne Christoph Nix) und surrealen, schief-gezackten, grau-weiss-schwarzen Kostümen von Bozena Szlachta eine artifizielle Haut über, die das Geschehen konserviert und zeitlos macht.

Die üblen Spiele der Männer

Die burschikose Erna (Sylvana Schneider) mit ihrem Mann, dem Kleinkriminellen Merkl Franz (Florian Rummel), und Kasimir (Julian Härtner). (Bild: Ilja Mess)

Die burschikose Erna (Sylvana Schneider) mit ihrem Mann, dem Kleinkriminellen Merkl Franz (Florian Rummel), und Kasimir (Julian Härtner). (Bild: Ilja Mess)

Dazu passt auch die Verdopplung von Kasimir, der einmal, gespielt von Odo Jergitsch, alt und frustriert geworden, beinahe bewegungslos in einem Scooter am Bühnenrand sitzt, Löcher in die Luft starrt und sich nur noch selten ins Geschehen einmischt. Und der einmal in der Jungversion von Julian Härtner hoffnungsfroh glaubt, das Leben läge noch vor ihm und er könne der Misere wieder entkommen.

Doch zeigen Merkl Franz, ein Kleinkrimineller, und seine burschikose Erna, wie die Zukunft wohl auch für Kasimir und Karoline aussehen wird. Franz und Erna sind es, die sich am Boden wälzend bekämpfen. Wider Erwarten gewinnt Erna. Genau zeigt Horváth die Stärke der Frauen, welche die üblen Spiele der Männer durchschauen. Auch darum sind seine Stücke so zeitlos.

Nächste Vorstellung heute Dienstag, 15.10., 20 Uhr, Grosses Haus, Theater Konstanz, Aufführungen bis 4.12.

theaterkonstanz.de

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