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Geständnisse mit Fussnoten

Die Kompanie des Theaters St. Gallen liest den Briefroman «Gefährliche Liebschaften» in der Lok als spannendes Blickballett.
Bettina Kugler
Macht und Liebe: Cecilia Wretemark, Stefanie Fischer in «Gefährliche Liebschaften». (Bild: Anna-Tina Eberhard)

Macht und Liebe: Cecilia Wretemark, Stefanie Fischer in «Gefährliche Liebschaften». (Bild: Anna-Tina Eberhard)

Sie schreiben unschuldig naiv – oder mit gespitzter Feder, jeder Satz ein Stich mit dem Florett, getarnt als Schmeichelei. In 175 Briefen zeichnet «Gefährliche Liebschaften», Choderlos de Laclos' Roman aus dem 18. Jahrhundert, das Tableau einer Gesellschaft im Schnürkorsett. Extrem verfeinert in ihren Umgangsformen, ist sie zugleich moralisch verkommen, angeödet von ihren amourösen Abenteuern. Wer auf Liebe hofft, muss mit Intrigen rechnen, mit Eifersucht und mit der hohen Kunst frivoler Kriegsführung.

Blicke und Küsse wie Dolchstösse

Matjash Mrozewski hat sich von der berühmten Vorlage zu einem dichten, in Bewegung übersetzten Tanzstück inspirieren lassen und es zusammen mit der St. Galler Kompanie entwickelt. Nicht narrativ, nicht als linear geführtes Handlungsballett – dazu wäre der Roman viel zu verschachtelt und zu reich an Figuren. Sondern kaleidoskopartig, als assoziative Tändelei mit dem Stoff. Wie viele Herzen dabei aus purer Spiellust zerbersten, macht das Sounddesign von Owen Belten leitmotivisch deutlich: Das Geräusch klirrenden, splitternden Glases durchzieht das Stück. Es klingt mit in der Musik für Cembalo von Jean-Philippe Rameau, es passt zu den Kristalllüstern, die von der Decke herabhängen.

Darunter mischen sich Getuschel und Gelächter. Wie Pfeile schnellen die Blicke der Tänzer kreuz und quer über die quadratische Tanzfläche. Von vier Tribünenseiten schaut das Publikum in der Lokremise auf die Figuren dieses Intrigenspiels wie Sonnenkönig Louis XIV auf Irrläufer im Labyrinth.

Zwar treten einzelne Figuren erkennbar in Erscheinung, allen voran Valmont (David Schwindling) und die rachsüchtige Marquise de Merteuil (Cecilia Wretemark). Die anderen Rollen, Madame de Tourvel, Cécile, der Chevalier Danceny, geistern in der Kompanie herum, suchen sich wechselnde Verkörperungen – was die Partie noch spannender, Amors Attacken noch willkürlicher macht. Unter den neuen Gesichtern in der Kompanie haben Jens Trachsel, Alberto Terribile und Genevieve O'Keeffe charakterstarke Szenen; empfindsame Facetten zeigen Robina Steyer und Stefanie Fischer. Vor allem aber lebt das Stück von der unberechenbaren Dynamik in den Ensembles, der eleganten Schroffheit, mit der flüchtige Begegnungen hingeworfen werden. Buchstäblich.

Mit Zeichen geizt Ausstatter Dieter Eisenmann ebenso wenig wie Owen Belton mit akustischen Interpretationshilfen und Benedikt Zehms Lichtdesign. Ob unbarmherzig weisses Licht, Stroboskopeffekte oder Kerzenschein: Jede Stimmung wird unmissverständlich ausgeleuchtet.

Zu Beginn ist das Bühnenquadrat mit kleinen Amoretten vollgestellt; Florett und Cembalo sind später mehr als Requisiten. Die Tänzer hätten sie nicht nötig; ihre Blicke und schnellen paarweisen Attacken, die Annäherungs- und Fluchtversuche sind eloquent genug. Sie entfalten sich in scharf geschnittenen Szenen und Episoden; aus diesen setzt sich nach und nach ein schillerndes Ganzes zusammen.

Der Text verkörpert sich poetisch

Wie ein Liebesbrief reine Körperpoesie wird, der Klang der Worte und Sätze geschmeidig in die Zehenspitzen geht, sich biegt, ausschwingt und verspielt dreht, das offenbart sich mitten im Stück in einem verblüffenden Sprechsolo von Lorian Mader. Zu einem Zeitpunkt, in dem das Publikum, begierig auf physisch plausible Bezüge und Beziehungen, schon reichlich Text gehört hat.

Immer wieder lässt Matjash Mrozewski die Tänzerinnen und Tänzer zum Mikrophon greifen und Splitter aus den Briefen des Romans rezitieren. Wobei der Tonfall immerhin angenehm pathosfrei und ungekünstelt ist, zeitgeistig nüchtern. Diese Passage jedoch fällt kunstvoll aus dem Rahmen und erprobt überzeugend eine raffiniertere Spielart des manchmal recht plakativen Tanztheaters. Hier springt der Text nicht um einer «Geschichte» willen in die Bresche. Vielmehr verkörpert er sich ganz und gar – und zieht Mittänzer und Publikum in seinen Bann.

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