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GESPRÄCH: Schwindelerregende Geschwister

Zsuzsanna Gahses neues Buch zeichnet unterschiedlich temperierte Geschwisterbeziehungen. Wir haben uns über Schwestern und Sprachen, Wörter und Schildkröten unterhalten.
Dieter Langhart
«Wir sind alle mehr oder minder verwandt, es geht um viele Verknüpfungen»: Zsuzsanna Gahse, Schriftstellerin. (Bild: Isolde Ohlbaum)

«Wir sind alle mehr oder minder verwandt, es geht um viele Verknüpfungen»: Zsuzsanna Gahse, Schriftstellerin. (Bild: Isolde Ohlbaum)

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

Der eine Leser wird im Buch vielleicht vor und zurück blättern und zwischen den «siebenundsiebzig Geschwistern» (so heisst das Buch) hin und her springen wollen. Die andere Leserin wird vorn beginnen (Wolfsgeschwister sind wir, / meine drei schlaksigen, gut / gewachsenen Brüder und ich) und staunend und lächelnd ans Ende gelangen (Zu zehnt gehen wir Hand / in Hand zu den Gräbern / unserer zehn Geschwister / und bringen ihnen Blumen). Staunen werden sie so oder so über diese flimmernde Sprache, diese unterschiedlichen Geschwisterbeziehungen. Und vielleicht werden sie nachzählen und auf mehr als siebenundsiebzig Geschwister kommen.

«Dieses Buch ist so, wie ich es haben wollte», sagt Zsuzsanna Gahse. Wir unterhalten uns in ihrem Schreibzimmer in Müllheim. Seit drei Jahren hat die Schriftstellerin Einfälle, Beobachtungen, Stimmungslinien notiert. «Das Geschwisterbuch ist durchweg geplant, und alles basiert gewissermassen auf Erfahrungen.»

Spiel mit den Genen, Spiel mit der Sprache

Das erzählende Ich ist mehrgestaltig, ein Ich mit unterschiedlichen Gesichtern, das verschwindet und wieder auftaucht. Die einzelnen Kapitelüberschriften bestehen aus je vier Buchstaben, der erste Titel heisst CTGA, der letzte CGTA. Wie die Genbezeichnungen einer DNA. Eine Zeichnung auf der letzten Buchseite gibt an: «Vereinfachtes Spiel mit den Buchstaben der DNA.» Das Buch selbst ist auch wie ein Spiel, ein Spiel mit einer wechselnden Personenschar. Und mit Wörtern, Sätzen, mit der Sprache – kennzeichnend für Zsuzsanna Gahses Werk. Immerhin sind Wörter die Gene der Sprache.

«Mich hat die Etymologie stets interessiert», sagt die Schriftstellerin, «die Vergangenheit der Sprache.» Das war so in ihrer Muttersprache Ungarisch, das war im Deutschen so, das sie mit zehn zu lernen begann, im Spanischen als Erwachsene. «Sprachen lernte ich oft anhand von Liedern»: Family Affairs sind Liedgeschichten, sie bringen Lied­gene zusammen. Pure Neugier auf Sprache und auf die sprechenden Menschen, die in einer nicht auflösbaren Symbiose leben.

«In diesem Buch konnte ich mich austoben.» Spielerisch beim Nebeneinanderstellen von «Kind auf Deutsch» und «kind, die Art, auf Englisch». Ernsthaft bei politischen Geschichten, etwa den Präsidentschaftswahlen in den USA, die sie sacht andeutet. Hinweise auf die Realität, mal leicht verzerrt, mal gut erkennbar, halten das Buch zusammen. Es sind die gebündelten Erfahrungen der Schriftstellerin.

Einen weiteren Zusammenhalt ergeben die «Samstagstreffen» bei Winnie in Wien; überhaupt stammen viele der Geschwister aus Wien. Bei diesen Treffen unterhalten sich einige Freunde über das Lachen, das nicht immer freundlich gemeint ist. Und zu den wiederkehrenden Motiven im Buch gehört auch der Blick auf die Augen oder der Blick auf die Wissenschaft. So zum Beispiel, wenn es um die klugen Kraken geht oder die Meeresschildkröten, die ihren Jungen mit tiefen Tönen mitteilen, wann sie schlüpfen und ins Meer rennen müssen.

Dazwischen die Verästelungen, diese Vielfalt von Schwestern und Brüdern. «Siebenundsiebzig sind sehr viele. Wir sind alle mehr oder minder verwandt», sagt Zsuzsanna Gahse. «Im Grunde geht es um viele Verknüpfungen, auch um die Verknüpfung von Familiengeschichten.» Zu den Verknüpfungen zählt sicher auch ihre Hommage an ihr wichtige Personen wie Ilse Aichinger, Georg Trakl, Jim Jarmusch, Elvis Presley, die offen erkennbar oder angedeutet antreten.

Neue Erzählform zwischen Gedicht und Prosa

Rhythmisch wie ein Musikstück oszilliert der Text zwischen Gedicht und Prosa, kein formales Korsett hält ihn auf. Bewusst ist der Zeilenumbruch gesetzt, als sei der Text gesprochen; in zwei Gedichten bilden die Vers­enden gar eine schiefe Ebene. In «Störe», einem für die Solothurner Literaturtage 2013 geschriebenen Text, hat Zsu­zsanna Gahse für die literarische Zwischenform geworben: «Störe bewegen sich zwischen den langen Erzählweisen und den Gedichten […], damit spiegeln sie die Moderne bereits seit Jahrzehnten, nur wurde ihre Bezeichnung bisher verschwiegen.» Jetzt sagt sie: «Man muss neu lesen lernen und sich fallen lassen.»

«Siebenundsiebzig Geschwister» ist ein faszinierendes Buch, weil sich da die unendliche Vielfalt in der Sprache und die Vielfalt von Menschen auffächert, ohne sich an einen einzigen Plot halten zu müssen.

Lesung: So, 24.9., 11 Uhr, ­Bodmanhaus Gottlieben Zsuzsanna Gahse: Siebenundsiebzig Geschwister, Edition Korrespondenzen, 163 S., Fr. 29.–

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