Geschichten erzählen ohne Text

Vierzig Jahre auf der Bühne sind Grund für eine Jubiläumstournée. Mummenschanz hat diese am Dienstag in Zürich begonnen.

Caspar Hesse
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Rohr spielt mit Ball. (Bild: ky/Alessandro Della Bella)

Rohr spielt mit Ball. (Bild: ky/Alessandro Della Bella)

Der rote Vorhang ist geschlossen, doch man ahnt, wie der Abend beginnen wird. Zwei riesige Hände ziehen den Vorhang auf. Sie zeigen aufs Publikum und beginnen es abzuzählen, der gehobene Daumen ist zufrieden mit der Menge. Die eine Hand mimt eine Pistole, die andere hebt die Finger, am Schluss: Däumchen drehen, der Vorhang geht zu. Ende der ersten Szene. Das ist typisch Mummenschanz. Auf der Jubiläumstournée ist viel Bekanntes zu sehen. Es ist wie bei Emil oder Loriot: Klassiker für die Ewigkeit.

Der Bundesrat dankt

Das zeigt auch der Brief, den Bundesrat Didier Burkhalter zur Eröffnung der Jubiläumstournée der Theatergruppe zukommen liess. Darin schreibt er: «Ihr Erfolg ist verdient. Er gründet auf einigen Eigenschaften, die den Schweizern lieb sind: Innovation, strenge Organisation und die unablässige Suche nach Qualität auf einem hohen Niveau.» Burkhalter bezeichnet die Truppe schliesslich als «hervorragende Botschafter unseres Landes» und dankt ihnen dafür im Namen des Bundesrats.

Dass sie von 1977 bis 1979 am New Yorker Broadway Erfolge feiern konnten, liegt auch daran, dass keine sprachlichen Hindernisse zu überwinden sind. Bei Mummenschanz hört man absolut nichts, ausser dem Lachen des Publikums, den Interpretationsversuchen und Äusserungen des Staunens und der Überraschung.

Phantasie und einfache Mittel

Es werden keine Geschichten erzählt, sondern einzelne Szenen ohne Zusammenhang aneinandergereiht. Dabei kann man immer wieder erahnen, was gezeigt wird, und das ist nicht immer nur schön, sondern auch grausam. Beispielsweise die beiden Figuren, die sich immer wieder ins Gesicht greifen und dem Gegenüber eine andere Visage verpassen. Kann man sich nicht selber verschönern, muss wenigstens der andere eine verunstaltete Fratze erhalten.

Doch gibt es auch berührende Figuren: das Rohr, das mit dem Publikum Ball spielt, das Liebespaar, dessen Augen, Ohren und Münder aus WC-Rollen bestehen: Man leiht dem Gegenüber ein Ohr, die Tränen fliessen aus den Augen, Worte aus dem Mund lassen sich zu einem Blumenstrauss gestalten, das alles lässt sich bildlich hervorragend darstellen, man muss nur die Idee dazu haben.

Mit Phantasie und einfachen Mitteln lässt sich eine schwarze Frauenfigur mit einem weissen Klebstreifen in Rock und Jacke kleiden. Das Einfache macht den Reiz aus, aber nicht nur: Die Figuren, Masken und ihre Bewegungen sind von einer Schönheit, die an den Karneval von Venedig oder die tanzenden Figuren eines Oskar Schlemmer erinnern.

Weitere Vorstellungen im Theater 11 in Zürich bis 15. Oktober, im April 2012 in St. Gallen und Wil. Das komplette Tournéeprogramm unter www.mummenschanz.ch

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