GERICHTSDRAMA: Äusserst knapper Freispruch für Kampfpilot

«Terror» steht diese Saison in vielen Theatern auf dem Programm. In St. Gallen inszenierte man es als nüchternes, aufs Wort setzendes intellektuelles Drama. In Konstanz wird das Stück zur cleveren, emotionalen TV-Direktübertragung.

Merken
Drucken
Teilen
Der angeklagte Kampfpilot (Georg Melich) und sein Verteidiger (André Rohde). (Bild: Bjørn Jansen)

Der angeklagte Kampfpilot (Georg Melich) und sein Verteidiger (André Rohde). (Bild: Bjørn Jansen)

Lautes Raunen bei der Urteilsverkündung: 153 zu 144 – mit einem so knappen Freispruch hatte das Publikum nicht gerechnet. In St. Gallen hiess das Resultat 72 zu 42, bei der Fernsehübertragung letzten Herbst waren es sogar 90 Prozent für Freispruch. Im Stadttheater Konstanz bricht Kampfpilot Lars Koch (Georg Melich) fast in Tränen aus. Er hatte das «kleinere Übel» gewählt, den Abschuss einer Passagiermaschine. Die 70000 Zuschauer in der Münchner Allianz-Arena, in welche das von einem IS-Terroristen entführte Flugzeug steuerte, wurden so verschont. Nach monatelanger Untersuchungshaft wird er wegen «übergesetzlichem Notstand» freigesprochen – von eben diesem Publikum, das ihm mit ambivalentem Gefühl zugesehen hat, was womöglich der Hauptgrund des knappen Urteils ist. Denn der Angeklagte sitzt stolz und ein wenig selbstgefällig auf seinem Stuhl und blickt die Staatsanwältin überheblich an, in der Gerichtspause weint er und schlägt seinen Kopf an die Wand. Wir sehen das, weil Regisseur Mark Zurmühle das starre Gerüst des intellektuellen Thesenstücks aufbricht und «Terror» als Liveübertragung mit vielen Kameras und Expertenbefragung inszeniert.

Terrorgefahr auch im ­gemütlichen Theater

Der bullige Sicherheitsmann mit schusssicherer Weste, der das Publikum im Foyer gemustert hatte, sitzt nun als Gerichtsdiener auf der Bühne. Die Botschaft: Terrorgefahr droht an allen öffentlichen Orten. Die Konstanzer Inszenierung betont die im Stück suggerierte Bedrohung, die unsere Moral und unser Rechtsverständnis auf die Probe stellt. So beginnt der Abend mit einem Blitzlichtgewitter aus TV-Nachrichten. Auf Grossleinwand berichten schockierte Nachrichtensprecher: «Trauer und Schock in München», «Die Maschine ist in tausend Stücke zerbrochen», man sieht verschwommene Bilder einer abgestürzten Maschine und zum Gaudi des Publikums noch Donald Trump süffisant ausrufen: «Do you hear what happened last night in Germany?» Weil der Verteidiger zu spät kommt, kann der TV-Moderator vor Ort einen Konstanzer Philosophen nach einer Definition von «Terrorismus» fragen: «Systematische, willkürliche Gewalt mit dem Ziel, Angst und Schrecken zu verbreiten – Gefühle also, die zur gesellschaftlichen Beeinflussung besonders geeignet sind», sagt dieser. In weiteren Pausen werden eine Theologin und ein Psychiater zum Thema Schuld befragt. Dass der behäbige Verantwortliche der Leitstelle die Verantwortung für den verfassungswidrigen Abschuss feige an den Kampfpiloten abschiebt, empört das Publikum. Die rechtsphilosophischen Belehrungen der Staatsanwältin und ihr Aufruf, die Prinzipien der Verfassung über die subjektive Moral zu stellen, wirken theoretisch und unangemessen. Auch in Konstanz am berührendsten: Die kreidebleiche Witwe eines Flugzeugpassagiers. Der Verteidiger hat dennoch leichtes Spiel: Er fällt zwar als aufmüpfiger Störenfried negativ auf, gewinnt aber mit dem Argument, der Angeklagte habe das «kleinere Übel» wählen müssen: Knapp, mit 153 zu 144.

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler

@tagblatt.ch

Weitere Vorstellungen: 14. und 21. Mai, 9. und 13. Juni