Georg-Büchner-Preis
Wichtigster Literaturpreis Deutschlands geht erstmals an Autorin mit Migrationshintergrund

Mit Emine Sevgi Özdamar wird zum ersten Mal eine Autorin, die erst als Erwachsene nach Deutschland kam, mit dem bedeutendsten deutschen Literaturpreis geehrt. In Deutschland hat sie eine beeindruckende Karriere hingelegt.

Bernadette Conrad
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Die türkisch-deutsche Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar erhält die wichtigste literarische Auszeichnung Deutschlands.

Die türkisch-deutsche Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar erhält die wichtigste literarische Auszeichnung Deutschlands.

Heike Steiweg/Sv / APA/APA

«Wenn man von seinem eigenen Land fortgegangen ist, dann kommt man in keinem neuen Land mehr an», heisst es in Emine Sevgi Özdamars jüngstem Buch «Ein von Schatten begrenzter Raum». Und tatsächlich geht es ja in ihrem ganzen einzigartigen, wortmächtigen und weitgespannten Werk zentral darum, die Spannung zwischen Unbeheimatetsein und Heimatsehnsucht, in die sie als junge Frau hineingezwungen wurde, schöpferisch zu beantworten.

Sie war eine erfolgreiche junge Schauspielerin auf Istanbuler Bühnen, als das türkische Militär putschte. In einem Interview erzählte sie mir:

«Wir waren alle Künstlerinnen, liebten unsere Eltern und die Männer, die der türkischen oder armenischen Bohème angehörten, liefen in den Nächten hin und her zwischen Istanbuler Greek Tavernas und Nachtclubs, zwischen steilen Gassen von Istanbul …»

Damit war es mit einem Schlag vorbei. Die Freunde, die Kolleginnen flohen ins Exil, und 1978 kam auch Emine Sevgi Özdamar in Berlin an, das sie von einer früheren Reise schon kannte. Unerschrocken ging sie geradewegs auf den Schweizer Regisseur Benno Besson, damals Intendant der Ostberliner Volksbühne zu, und trug ihren grössten Wunsch an ihn heran: «Ich will von Ihnen das Brecht-Theater lernen.»

Bald spielte sie in Berlin und Bochum, wirkte in Paris und Avignon an Inszenierungen mit, schrieb Theaterstücke, Erzählungen und ab 1992 auch Romane, in deren poetischen Titeln sich schon ein wenig der eigenwillige, bildstarke und genreübergreifende Schreibstil Özdamars ausdrückt: Auf «Das Leben ist eine Karawanserei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus» (1992) folgte 1998 «Die Brücke vom Goldenen Horn» und 2003 «Seltsame Sterne starren zur Erde». Zusammengenommen auch als «Istanbul-Trilogie» bezeichnet, handeln sie von Özdamars abenteuerlichen Wegen seit ihrer türkischen Kindheit in den 1950er-Jahren bis in die 1970er-Jahre, als sie als Migrantin der ersten Stunde in Deutschland eine eindrucksvolle künstlerische Karriere machte.

Zu Hause an den scharfen Schnittstellen Europas

In ihrem jüngsten Buch, dem fast 800 Seiten langen «Ein von Schatten begrenzter Raum» hat Özdamar «die gleiche Reise noch einmal machen» wollen, in die - nicht nur persönlich glanzvollen - 1970er und frühen 1980er-Jahre. Ausdrücklich ruft sie noch einmal diese politisch und gesellschaftlich von Freiheit, Öffnung und Experimentierfreude gekennzeichnete Zeit wach.

Konsequent hat sich Özdamar als Reisende und Schreibende zwischen Ost- und Westberlin, zwischen Deutschland, Frankreich und der Türkei, den scharfen Schnittstellen Europas ausgesetzt. «Sie klingeln an irgendwelchen Türen, da wohnen sechs junge Studenten, sie töten», heisst es von einem Besuch 1980 bei ihren Eltern. «Töten ist in diesem Land erlaubt, weil das grosse Töten ab 1915 nie zur Rede gestellt wurde. Und dass sie so frei töten konnten, hat dieses Land, die Menschen, verfaulen lassen.»

Dass Özdamars Werk, diese poetische Chronik, die in gleichem Masse schwer von Trauer, von Einsamkeit und Verlust ist, wie sie zugleich strahlend von der Kunst als Fest der Freiheit und Kreativität erzählt, nun mit dem Büchner-Preis geehrt wird, ist ein hoffnungsvolles Zeichen und ein echter Grund zur Freude.