Genial nasal

Er war schon eine Ziege in «Die Rotkäppchen-Verschwörung». Jetzt wird der Musiker Jan Delay erneut zum Synchronsprecher. Im Trickfilm «Ich – Einfach unverbesserlich» leiht der 34-Jährige dem Bösewicht seine unverwechselbare Stimme.

André Wesche
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Herr Delay, wie würden Sie «Ich – Einfach unverbesserlich» beschreiben?

Jan Delay: Der Film ist ein modernes Grossstadtmärchen für Jung und Alt. Das klingt nach blöder Marketingsprache, aber es ist wirklich so. Man merkt, dass Leute die Geschichte geschrieben haben, die der urbanen Welt entstammen. Dadurch hat sie eine Modernität. Früher hatten Familienfilme immer etwas Provinzielles. Die Pointen mussten möglichst platt sein, damit jeder sie versteht.

Warum haben Sie den Job angenommen, eine Trickfilmfigur zu synchronisieren?

Delay: Beim Synchronisieren bin ich in einer Studioumgebung, die ich kenne wie meine Westentasche. Ich bin für mich allein verantwortlich. Es steht nicht ein Team von fünfzig Leuten um mich herum, die alle sauer sind, wenn ich mich verzocke. Wenn es dann noch so ein cooler Film ist und so ein cooler Charakter, dann macht das richtig Spass.

Sie sprechen die Stimme eines Schurken. Wie viel Schurkenpotenzial steckt in Ihnen?

Delay: 53 Prozent.

Vector ist kein lupenreiner Bösewicht, der einzige echte im Film ist bezeichnenderweise ein Banker. Ein Zeichen der Zeit?

Delay: Ja. Der Bankdirektor wird als Wurzel allen Übels dargestellt, was ja eigentlich auch gar nicht so falsch ist. Es ist nicht mehr die böse Königsmutter, heute ist es der böse Bankdirektor. Das entspricht diesem modernen Grossstadtmärchen, von dem ich gesprochen habe.

Ein Gag bezieht sich direkt auf die Bank Lehman Brothers, die vor zwei Jahren zusammenbrach. Wie hat die anschliessende Krise das Denken der Menschen verändert?

Delay: Leider nicht genug. Das, was uns diese Krise 2008 vorgeführt hat und ständig noch weiter vorführt, ist noch nicht so richtig in den Köpfen angekommen. Diese Sache hat zu wenige Konsequenzen nach sich gezogen, es werden nicht die Leute an die Kandare genommen, die mit den Milliardenbeträgen jonglieren oder teilweise mit ihnen nach Hause gehen.

Das leuchtet mir nicht ein. Es wird nichts getan, um zu verhindern, dass alles in ein paar Jahren wieder passiert. Es ist alles wie beim Domino, es muss nur irgendwo ein Stein umfallen, dann geht das Ganze von vorne los.

Wie unterschiedlich sind die Studioerfahrungen beim Aufnehmen eines Songs und beim Synchronisieren?

Delay: Wenn ich im Studio meine Musik aufnehme, habe ich genau im Kopf, wie es hinterher klingen soll.

Und dann probiere ich so lange rum, bis das, was aus den Boxen kommt, deckungsgleich mit meiner Vorstellung ist – auch wenn das zwei Monate dauert. Wenn ich synchronisiere, komme ich ohne eigene Vorstellungen ins Studio. Jemand anderes sagt mir, wie es zu klingen hat. Das ist für mich sehr befreiend.

Nehmen Sie bald Ihre erste Rolle als Schauspieler an?

Delay: Ich habe schon etliche Anfragen bekommen. Aber das möchte ich auf gar keinen Fall. Ich kenne es von Video-Dreharbeiten, dieses ständige Warten.

Hier muss noch etwas eingestellt werden und dort nochmal. Das finde ich schrecklich.

Was für Kinofilme mögen Sie am liebsten?

Delay: Solche die einen Einschnitt bewirken. Man kommt aus dem Kino und das gesamte eigene Weltbild hat sich gedreht. «Pulp Fiction» war für mich ein solcher «Einschnittsfilm». So etwas gab es bis dahin nicht. Ähnlich war es, als ich aus «Herr der Ringe» kam. Diese Welt, die da geschaffen wurde, war wirklich einzigartig.