Genial auch auf der Bühne

«Die Vermessung der Welt», nach dem Romanwelterfolg von Daniel Kehlmann, feiert in Konstanz eine rauschhafte Premiere. Es ist ein nahezu makelloser Theaterabend, der grosse Fragen mit vielfältigen Mitteln angeht.

Brigitte Elsner-Heller
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Auf Forschungsreise: Szene aus «Die Vermessung der Welt». (Bild: Theater Konstanz/Ilja Mess)

Auf Forschungsreise: Szene aus «Die Vermessung der Welt». (Bild: Theater Konstanz/Ilja Mess)

KONSTANZ. 1828 treffen zwei Männer aufeinander, wie sie ein Jahrhundert nicht oft hervorbringt: Alexander von Humboldt (1769–1859), besessener Naturforscher, hat es geschafft, den Mathematiker, Astronomen und Physiker Carl Friedrich Gauss (1777–1855) zur Reise nach Berlin zu bewegen. Während Gauss die Studierstube ungern verlässt, könnte Alexander von Humboldt das Reisen geradezu erfunden haben: er ist durch Süd- und Mittelamerika gereist, hat mit dem französischen Naturforscher Aimé Bonpland den Chimborazo bestiegen – und dabei das Phänomen der Höhenkrankheit am eigenen Leib erfahren.

Emotionen statt blosser Ironie

Daniel Kehlmann hat das historisch verbürgte Treffen im Bestseller «Die Vermessung der Welt» als Ausgangspunkt genommen, um deren Biographien zueinander in Beziehung zu setzen. Dass er dabei zu beiden eine ironische Distanz hielt, hat zum Erfolg des Romans beigetragen. Jetzt ist die Theaterfassung des farbigen Stoffes auf die Konstanzer Bühne gekommen. Emotionalisierung statt blosser ironischer Distanzierung hat sich Regisseurin Martina Eitner-Acheampong auf die Fahnen geschrieben. Vor allem im ersten Teil geht es auch komödiantisch zu, während die Fragen dann zunehmend philosophischer ausfallen. Ist das Leben überhaupt vermessbar? Wohin trägt uns die wissenschaftliche «Erkenntnis»?

Ausgefeilte Lichtführung

Da stehen sie auf der Bühne, Gauss und Humboldt, im kunstvollen Bühnenbild (Ausstattung: Beatrice von Bomhard), das durch Lochplatten-Wände unterschiedlich eingerahmt wird, wobei Benjamin Hohnheisers Videos die Szenerien genauso umschmeicheln wie die ausgefeilte Lichtführung. Die historisierenden Kostüme haben vor der modern anmutenden Ausstattung den Effekt, die Personen noch näher an den Zuschauer heran zu bringen. Alexander, dargestellt von Ingo Biermann, wird mit seinem Bruder Wilhelm (Wolfgang Erkwoh) im strengen Elternhaus auf Leistung getrimmt. Der Tod der Mutter (Laura Lippmann in einer schrill angelegten Rolle) ist ihm willkommener Anlass, sich aus den Zwängen zu befreien – für Alexander und Publikum gleichermassen ein Vergnügen.

Stark aufspielendes Ensemble

Bevor Mumien und Gletscherspalten auftauchen, gilt es erst, den kleinen Gauss in seiner ärmlichen Umgebung zu zeigen. Ebenso wie Ingo Biermann als Humboldt glänzt Ralf Beckord als Gauss. Das Drama von Gauss zeigt sich wie in einer Persiflage bereits bei der ersten Vorstellung am Hofe des unbedarften Herzogs von Braunschweig: die Welt wird das Genie meist nicht verstehen. Später gerät auch sein Treffen mit dem altersverwirrten Kant zum persönlichen Debakel.

In einem Rausch wohl formulierter Bilder entwickelt sich mit dem stark aufspielenden Ensemble ein nahezu makelloser Theaterabend, der grosse Fragen mit vielfältigen Mitteln angeht. Während Ingo Biermann und Philipp Lind als teilweise urkomisches Expeditionsduo Krokodile und Eiswüsten überleben, erfüllt sich für den Neuerer der Mathematik mit der Liebe zu Johanna (Laura Lippmann hier warmherzig) kurz das Glück. Bei Ralf Beckord frieren die Gesichtszüge ein, wenn der alternde Gauss verhärtet, die Dummheit des Sohnes (Thomas Fritz Jung) beklagt. Fast eine Art Gegenbewegung bei Humboldt, der sich im Traum wieder als Bub sieht und eine Ahnung davon bekommt, dass er sein Herz getötet hat, um durch Erkenntnisdrang zu überleben. Es bleibt, nochmals geschärft, die Frage, was wir wissen können. Und die Einsamkeit, die beide Männer vereint.

www.theaterkonstanz.de

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