Genetik als Geschichtsbuch

Wissenschafter haben das Genom der Menschheit kartographiert und historische Migrationsbewegungen räumlich-zeitlich eingeordnet. Entstanden ist ein genetischer Atlas der Menschheit.

Adrian Lobe
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Genetische Analysen zeigen, dass es die Globalisierung und damit die Durchmischung der Völker schon lange gibt. (Bild: ky/interfoto/Sammlung Rauch)

Genetische Analysen zeigen, dass es die Globalisierung und damit die Durchmischung der Völker schon lange gibt. (Bild: ky/interfoto/Sammlung Rauch)

Invasionen, Sklaverei, Handel und Naturkatastrophen haben in der Menschheitsgeschichte zu einer beispiellosen ethnischen Durchmischung geführt. Das Erbgut ist ein eindrücklicher historischer Wissensspeicher. Allein, die Wissenschaft vermochte ihn bislang kaum entziffern.

Nun haben Genetiker mit statistischen Methoden die Migrationsströme der letzten 4000 Jahre nachgezeichnet – und Anschauungsmaterial für Historiker geliefert. Das Team um Simon Myers von der Universität Oxford untersuchte das Genom von 95 unterscheidbaren Ethnien auf der ganzen Welt.

Obwohl alle Menschen das gleiche Set an Genen haben, unterliegt das Genom, also die Gesamtheit der vererbbaren Informationen, Mutationen. In der DNA-Sequenz kommt es zu Veränderungen. Und wenn man sich die richtigen Abschnitte im Genom anschaut, kann man die Person einer Ethnie zuordnen.

Information bleibt gespeichert

Kinder erben das Erbgut ihrer Eltern. Man sieht beispielsweise, ob ein Kind einen asiatischen oder afrikanischen Einschlag hat. Über die Generationen verliert sich der (sichtbare) Einfluss. Gleichwohl: Das Erbgut speichert die Informationen. Aufgrund eines genetischen Neuordnungsprozesses, der in jeder Generation auftritt – im Fachjargon Rekombination genannt – werden die Allele, also bestimmte Stellen auf dem Gen, kürzer.

«Die Länge der vererbten ununterbrochenen DNA-Segmente zeigt, zu welcher Zeit die ethnische Mischung stattfand», erklärt Garrett Hellenthal, Koautor der Studie. «Wenn die heutigen Nachfahren lange ununterbrochene DNA-Segmente in sich tragen, liegt die interethnische Familienbildung kürzer zurück. Anders, wenn die Segmente kurz sind – dann ist das Ereignis länger her», sagt Hellenthal.

Durchmischung zurückdatieren

Auf diese Weise können die Wissenschafter die ethnische Durchmischung zurückdatieren. «Wir haben die DNA der Nachfahren globaler Populationen abgeglichen und dabei geschaut, welche DNA-Strukturen des Genoms zueinander passen.»

Das Ergebnis war verblüffend: Die Mongolen, die von Ethnologen bisweilen als homogene Gruppierung dargestellt werden, stammen von den Hazara aus Afghanistan, Uiguren und Turkvölkern ab. Zentralasien war im 14. Jahrhundert ein genetischer Schmelztiegel. Bei den Kalasha, einer Ethnie in Pakistan, fanden die Forscher Spuren, die bis nach Schottland und Litauen reichten. Dies könnte erklären, warum die Volksgruppe ein auffällig europäisches Aussehen hat. Die statistische Analyse legt in diesem Fall ein Ereignis aus der Zeit Alexander des Grossen (210 v. Chr.) nahe. Diese These bedürfe aber der Überprüfung, so Hellenthal.

Europäer in China

Bei dem Volk der Tu in China haben die Wissenschafter ebenfalls europäische Vorfahren im Erbgut ausgemacht. Sie könnten von Händlern stammen, die einst über die Seidenstrasse zogen. Die Globalisierung reiste zwar damals noch auf Eselrücken, doch offensichtlich kam es zu einer beträchtlichen Zahl an Mischehen. Im Erbgut der Norditaliener identifizierten die Forscher zwischen 776 vor Christus und 550 nach Christus Einflüsse aus dem Nahen Osten. Dabei könnte es sich um das antike Volk der Etrusker handeln, die in den heutigen Regionen Toscana, Umbrien und Latium lebten und vermutlich aus Lydien in Kleinasien stammten.

Auch die europäische Kolonisierung Südamerikas schlägt sich im Erbgut indigener Völker nieder. So weisen die Nachfahren der Maya, wenig überraschend, Genabschnitte auf, die mit den Spaniern übereinstimmen. Überraschender ist vielmehr die Tatsache, dass die Forscher diese ethnische Verschmelzung auf das Jahr 1670 datieren – also genau in jener Zeit, in der die Conquista begann. Es ist, als würde man in der Genetik in einem Geschichtsbuch blättern.

«Unsere Ergebnisse zeigen, dass es möglich ist, auf Grundlage genetischer Informationen die Effekte antiker und moderner Migrationsereignisse und spezifische Details der involvierten Quellen, die Komplexität der Ereignisse sowie den Zeitrahmen der Durchmischung von Gruppen zu erhellen», resümieren die Autoren in ihrer in «Science» vorgestellten Studie.

Migrationsgeschichte

Die Wissenschafter sehen ihre Untersuchung aber nicht als singulären Forschungsstrang, sondern komplementär zu den Erkenntnissen aus Archäologie und Geschichtswissenschaft. Mit ihren Ergebnissen haben die Wissenschafter jedenfalls ein weiteres Kapitel in der Migrationsgeschichte aufgeschlagen.

www.admixturemap.paintmy chromosomes.com

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