Gen Süden

Italienbilder Das Kunstmuseum St. Gallen holt seine Böcklin, Feuerbach und Spitzweg aus dem Keller und arrangiert sie im Dialog mit Gegenwartskunst zu einer Dramaturgie der Sehnsucht Richtung Süden. Ursula Badrutt Schoch

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Wir tragen sie noch immer in uns, seit Hunderten von Jahren. Und das trotz wiederkehrendem Stau auf dem Weg zur Erfüllung. Nie aber macht sie sich so unverhohlen bemerkbar wie in den Tagen des fortgeschrittenen Winters: die Sehnsucht nach Süden, nach dem Land, wo die Zitronen blühen, wo die Wiege der Kultur in lauen Winden schaukelt, wo Sonne, Sand und Meer, Aperitivi und gutes Essen Erholung vom gestressten Alltag verheissen, wo «dolce far niente» als Defizitmanagement verbucht werden darf.

Denn: Dürer tat es und Goethe, Karl Friedrich Schinkel und Richard Wagner.

Abendrot und Aschewolke

Es waren Künstler, die dem Drang nach Süden Berechtigung, ja Notwendigkeit gaben, die in der Kultur der Antike die Zukunft entdeckten und spätestens seit der Renaissance die Ruinen zur Referenz des eigenen Tuns erklärten. Das Reisen in den Süden wird im 18. und 19. Jahrhundert zur Pflicht des Bürgertums; mit im Gepäck Sehnsucht nach Liebe und Leidenschaft. Das Kunstmuseum St.

Gallen, getrieben nicht zuletzt von der Sehnsucht, die von eben diesem Bildungsbürgertum zusammengetragene Sammlung aus dem Depotdunkel zu holen und sinnstiftend zu arrangieren, besinnt sich auf das alte Arkadien als grössten gemeinsamen Nenner. «Sehnsucht Süden» lädt ein zu einer Reise vom schwülstigen Sonnenuntergang vor der Küste Neapels von Johann Rudolf Bühlmann (1812–1890) bis zum Vulkanschlund von Roman Signer.

Tempel trifft Autokolonne

«Unser Bild vom Süden ist verstellt von den Bildern der Malerei des 19. Jahrhunderts», behauptet Kurator Konrad Bitterli, und Kuratorin Nadia Veronese hakt nach: «Die klassische Bildungsreise ist dem globalisierten Tourismus gewichen, die Bilder aber sind geblieben, die Italianità hat ihre Anziehungskraft behalten.»

So kommt es, dass die Aquarelle des kaum bekannten Johann Jakob Wolfensberger (1797–1850) die Tischinstallation «Autogrill Stills» von Katalin Deér in einer Selbstverständlichkeit umfangen, wie nur gemeinsame Leidenschaften zu einen vermögen. So trifft die Ansicht von Tempeln auf Anhöhen auf die imposante Untersicht von Fahrbahnen auf Säulen.

Und in der Wiedergabe von Rebengehölz kreuzen sich Wolfensberger, der als William Turner der Schweiz gilt, und Katalin Deér in fast identischem Blickwinkel und Lichtspiel. Es sei die Ergriffenheit vor einem Körper, die sie beim Unterwegssein erfasse und zur Kamera greifen lasse, erklärt die Künstlerin. Die Installation zeigt Bildmaterial aus acht Jahren Italienreisen.

Projektion Arkadien

Dass unsere Bilder von arkadischen Zuständen im Süden eine Projektion sind, lässt Sylvie Defraoui besonders unmittelbar erleben, wenn sie in «Fragmente am Horizont» Leuchtturm, Palmen und ein rotes Schiff mit zerbrochenem Geschirr kombiniert und die Verheissung zur Fata Morgana erklärt.

Fast schon im Zweikampf begegnen sich das soeben aus Paris zurückgekehrte Gemälde «Palazzo Contarini» von Claude Monet und «Venedig im Boot» von Christoph Rütimann.

Dem stillen Wellenplätschern des Impressionisten stellt der Künstler aus Müllheim das Dauerrattern metallischer Geländer, denen er durch Venedigs Kanäle entlangfährt, entgegen.

Gebrochenes Sehnen

Einen Schuss Spott zwischen der nackten Neiride auf Triton von Böcklin, Anselm Feuerbachs Geliebten Nanna und Carl Spitzwegs sich vor fremden Blicken genierenden Frauen gibt es von Michael Bodenmann.

Der jüngste unter den «Sehnsucht Süden»-Künstlern zeigt eine achtteilige Fotoserie mit so bissigen Fundstücken wie einer Rettungstafel am Strand mit durchgestrichenem Schriftzug «Buone Vacanze» oder einem Mann in roter Trainerjacke, auf der anstelle von «Rimini» nur noch «Mini» zu lesen ist.

Einmal mehr bringt das Thema Roman Signer lakonisch auf den Punkt.

Seine Reisefotos changieren charmant zwischen gelebter Religiosität, Populärkitsch und Alltagsskurrilitäten. Für «Vulcanizzazione» besorgt er sich in einer Garage in Neapel, wo aus Kautschuk Gummi hergestellt wird, einen Autopneu, fährt damit auf der Fähre nach Stromboli, steigt auf den Vulkan und rollt das Rad des Reisens in den Schlund der Welt, macht den Prozess des Vulkanisierens im Vulkan rückgängig, bringt das Reisefieber zum Stillstand.

Obwohl nicht frei von Bildungsansprüchen, ermöglicht «Sehnsucht Süden» ein behendes und verspieltes Schlendern und Hüpfen, als wären wir längst von nie erfüllbaren Sehnsüchten befreit.

Bis 19. Juni

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