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Geliebter Dialekt, verpönter Dialekt: Weshalb es die Mundart so schwer hat, als Kunstform anerkannt zu werden

Dialekt wird an Schweizer Unis zwar sprachwissenschaftlich begleitet, doch kulturwissenschaftliche Forschung gibt es nicht.
Daniel Fuchs
In Luzern gibt es ein Schmützli, in Teilen Zürichs einen Schmatz. HO: Kleiner Sprachatlas der deutschen SchweizIn Luzern gibt es ein Schmützli, in Teilen Zürichs einen Schmatz. HO: Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz
In Solothurn kauft man von Guuzi, im Glarnerland Chügeli. HO: Kleiner Sprachatlas der deutschen SchweizIn Solothurn kauft man von Guuzi, im Glarnerland Chügeli. HO: Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz
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Galerie Kultur 21.9.19

Mundart-Rap, Spoken Word, ja selbst Mundartliteratur: Der Dialekt prägt nicht nur unseren Alltag, wir konsumieren ihn auch als Kunstform. Und das, obwohl sich die Dialekte allmählich annähern, wie die Forschung belegt. Wörter verschwinden, werden durch Anlehnungen ans Hochdeutsche ersetzt. Anke durch Butter. Ross durch Pferd.

Die Mundart entwickelt sich ständig weiter. Und das ist überhaupt nicht neu, zeigen etwa die Englischeinflüsse. Tschutte oder Schutte kommt eigentlich von «to shoot». Wir Deutschschweizer haben es also gar nicht erfunden. Und trotzdem gibt es Leute, die sich stören, wenn ihre Enkel «Fuessball gönd go schpile».

Solche Dialektpuristen gibt es auch beim Radio (siehe Box). Dort hört man einzelnen Journalisten die Freude an alten Wörtern geradezu an. Sie stehen in einer Reihe mit Sprachakrobaten beim Poetry Slam, in der Mundartmusik oder der Mundartliteratur. Ganz der Kunst gibt sich auch das Mundartfestival Arosa in zwei Wochen hin.

Puristen beim Radio

Im Regionaljournal von SRF hört man einen Berner über einen Anlass von «nächti» berichten. Andere, jüngere Redaktoren würden eher von «geschter Abe» sprechen. Auch in der Zentralschweiz pflegten Radiojournalisten die Mundart, wie der Leiter der Regionalredaktionen bei SRF, Stefan Eiholzer, auf Anfrage sagt. Jüngere Kollegen würden manchmal von anderen korrigiert, wenn sie von «zwöi Froue» sprächen. In Luzern heisse es «zwe Manne, zwe Froue, zwöi Chind», pflegten jene zu erklären, denen das wichtig sei. Das Radio konserviere Eigenheiten der Mundart, sagt Helen Christen, Linguistin und Dialektforscherin an der Universität Freiburg. In einem Beitrag für einen Dialektverein schrieb sie letzthin, dass in Radio und Fernsehen «Dialektmerkmale verwendet würden, die im Alltag als altertümlich» gälten.
Die Redaktoren setzten in alltäglichen Situationen kaum genutzte Ausdrücke ein. «Dieses Sprachverhalten lässt erahnen, dass sie Vorstellungen von angemessenem Dialektgebrauch haben und sich bei den vorbereiteten Beiträgen auf die Erwartungen einer Zuhörerschaft ausrichten, die ‹guten› Dialekt hören wollen.» Heute, so Christen, gelte vor allem als schön, was sich vom Hochdeutschen abgrenze, es gelte als besonders ursprünglich. SRF betont, Mundartpflege sei kein Selbstzweck. Die Maxime liege in der Verständlichkeit. Dem Thema Mundart widmet Schweizer Radio SRF übrigens ein Sendegefäss. Die «Schnabelweid» erreicht jede Woche weit über 100 000 Hörerinnen und Hörer. (dfu)

Germanistiklehrstühle in deutscher Hand

So gegenwärtig die Mundart ist, so wenig interessiert sie an Schweizer Unis. «Die Mundartkultur trifft auf keinen wissenschaftlichen Diskurs», sagt Christian Schmid, Autor und Experte der Mundartkultur, gegenüber der «Schweiz am Wochenende». Diese Kritik übt er auch in seinem neuen Buch «Häbet nech am Huet! E Chiflete», das in diesen Tagen erscheint. Zwar würde die Mundart sprachwissenschaftlich eng begleitet, doch kulturwissenschaftlich tue sich «weniger als nichts», so Schmid. «Kein einziger Lehrstuhl an einer Schweizer Uni befasst sich mit Mundartliteratur.»

Das habe Gründe. Zum einen mangle es an den deutschen Seminaren der Schweizer Universitäten an Personal, das sich für Mundart interessiere. Zum anderen stellt Schmid ein elitäres Gehabe im Kulturbetrieb fest. «Es ist verpönt, sich mit Mundartkunst zu befassen, die Szene blickt auf dieses Genre herab.»

Zwar seien die Veränderungen der Dialekte dank der Arbeit der Linguisten messbar geworden. «Doch es fehlt eine kulturwissenschaftliche Herangehensweise», so Schmid. Das habe letztlich damit zu tun, dass an den deutschen Seminaren viele Lehrstühle von Deutschen besetzt worden seien. Schmid: «In der Sprachwissenschaft spielt das keine so grosse Rolle, doch bei der Mundartkultur fehlt Deutschen das Hintergrundwissen, über das eigentlich nur Deutschschweizer verfügen.»

Elvira Glaser, eingebürgerte Deutsche und emeritierte Germanistikprofessorin an der Universität Zürich, pflichtet Schmid insofern bei, als dass die Mundart-Literatur auf keinen wissenschaftlichen Diskurs treffe. Zudem interessiere sich der akademische Nachwuchs kaum dafür, so Glaser. Die Bibliothek des deutschen Seminars an der Uni Zürich habe die Mundartliteratur zum Beispiel mangels Nachfrage ausgelagert, sagt sie.

Mundartliteratur wichtig für die Aufarbeitung von Geschichte

Doch liegt es an den Lehrstühlen in deutscher Hand? Die Frage geht an Philipp Theisohn, seit diesem Sommer Professor für Schweizer Literatur an der Uni Zürich. Theisohn, selbst Deutscher und auf dem Weg zum Schweizer Pass, kann dem Argument wenig abgewinnen. Er selbst ist das Gegenbeispiel, er behandelt in der Lehre die Mundartliteratur als Teil der Schweizer Literatur. «Man kann das nicht voneinander trennen, damit würde man auch den Mundartautoren gar nicht gerecht», sagt er. Schon aus diesem Grund wäre es laut Theisohn der falsche Weg, extra einen Mundartlehrstuhl einzurichten. Hinzu komme der Spardruck in den deutschen Seminaren der Universitäten.

Was aber sind die Folgen einer mangelhaften wissenschaftlichen Begleitung der Mundartkunst? Für Schmid und Glaser fehlt der Literatur der Boden, wenn sie nicht wissenschaftlich begleitet wird und kein Diskurs darüber entsteht.

Schmid geht noch weiter und ortet einen blinden Fleck der Schweizer Geschichte: «Die Mundartliteratur ist über 200-jährig. Ideologievehikel wie die Heroisierung des traditionellen Bauerntums oder die geistige Landesverteidigung bleiben unverständlich, wenn man die Mundartliteratur nicht berücksichtigt.» Wer die Verklärung der Alpenrepublik bis hin zum Reduitdenken im Zweiten Weltkrieg verstehen wolle, der komme nicht um die Mundartliteratur eines Simon Gfeller oder Karl Grunder herum, findet er. Wir kaufen Bücher von Pedro Lenz und hören CDs von Stahlberger. So richtig abgeben mit ihnen mögen wir uns aber nicht.

Tipp:
Mundartfestival Arosa

3. bis 6. Oktober
Mit Walliser Songs von Sina, Urner Gedichten von Hanspeter Müller-Drossaart und Mundartkunst der Bernerin Stefanie Grob.

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