Geliebt, geschunden, gejagt

Unter dem Titel «Das Tier und wir» zeigt das Kinok diesen Monat sieben ungewöhnliche Tierfilme. Der Bogen spannt sich von klassischen Spielfilmen wie Robert Bressons «Au hasard Balthazar» über das Porträt der Orang-Utan-Dame «Nénette» bis zur erschütternden Dokumentation «Unter Menschen».

Walter Gasperi
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«Nénette». (Bild: pd)

«Nénette». (Bild: pd)

ST. GALLEN. Die filmische Auseinandersetzung mit Tieren reicht vor den Anfang der offiziellen Filmgeschichte zurück. Denn bereits 1878 gelang dem britischen Fotografen Eadweard Muybridge mit Serienaufnahmen der Nachweis, dass Pferde im Galopp kurzzeitig mit allen vier Hufen vom Boden abheben. Gleichzeitig kann eine Analogie zwischen Kino und Zoo gezogen werden, denn einerseits haben beide Einrichtungen ihren Ursprung im Jahrmarkt, andererseits wird an beiden Orten Lebendiges zur Schau gestellt.

Vermenschlicht und süss

Die Spielarten der Beziehungen zwischen Mensch und Tier im Kino sind so vielfältig wie die Kunstform selbst. Zu Publikumslieblingen avancierten dem Menschen stets treu zu Diensten stehende Hunde wie Lassie oder Rin Tin Tin, Pferde wie Fury oder Flicka und natürlich der Delphin Flipper. Ungleich grössere Möglichkeiten als der Realfilm eröffnete der Zeichentrickfilm; Disney wurde von «Bambi» bis «Dschungelbuch» zu dessen Meister, ehe die Computertechnik ermöglichte, jedes beliebige Getier von Ratten («Ratatouille») bis zu Ameisen («Antz») lebensecht auf die Leinwand zu zaubern.

Horror und Jagdtrieb

Gleichzeitig boten Tiere immer wieder die Möglichkeit, im Kino Angst und Schrecken zu verbreiten. King Kong, Hitchcocks «Die Vögel» und Spielbergs «Der weisse Hai» zählen zu den bekanntesten Vertretern. Aber auch mutierte Spinnen, Ameisen und Bienen liessen die Filmemacher die Menschheit angreifen und dabei in den 1950er-Jahren Kritik an Atomversuchen und in den 1980er-Jahren an der Umweltverschmutzung üben. Dazu gehört auch das Monster Godzilla oder die von Spielberg in «Jurassic Park» zum Leben erweckten Dinosaurier.

Die Lust des Publikums an Abenteuer und Exotik befriedigte das Kino wiederum mit Mann-Tier-Konfrontationen bei Grosswildjagden oder mit Herman Melvilles Klassiker «Moby Dick», dessen Entstehungsgeschichte von Ron Howard unter dem Titel «In the Heart of the Sea» soeben verfilmt wurde (Kinostart: Dezember 2015).

Das Schicksal von Tieren lässt sich auch immer mit dem von Menschen verknüpfen. Mit einer Schlachthaus-Szene prangerte Sergej Eisenstein in «Streik» die Niederschlagung eines Aufstands an; mit einem Hasenmassaker bei einer Treibjagd nahm Jean Renoir in «Die Spielregel» quasi die Greuel des Zweiten Weltkriegs vorweg. Robert Bresson wiederum inszenierte im Meisterwerk «Au hasard Balthazar» die Leidensgeschichte eines Esels als universelle Passionsgeschichte, während Vittorio De Sica in «Umberto D.» anhand der Geschichte eines Rentners, dessen einziger Freund sein Hund ist, bittere Kritik an der Gleichgültigkeit der italienischen Nachkriegsgesellschaft übte.

Versuchs- und Schauobjekte

Christian Rost und Claus Strigel reflektieren in ihrem Dokumentarfilm «Unter Menschen» anhand des Schicksals von Schimpansen, die nach jahrelanger Verwendung als Versuchsobjekte für einen Pharmakonzern in einem Safari-Park bei Wien eine neue Heimat finden sollen, über das Verhältnis von Menschen und Tieren. Während Nicolas Philibert in «Nénette» eine seit 1972 im Pariser Zoo Jardin des Plantes lebende Orang- Utan-Dame porträtiert, spürt der Kanadier Denis Côté in «Bestiaire» ausgehend von Tierbetrachtungen Blick- und Wahrnehmungs-Verhältnissen nach.

Mensch-Tier-Beziehungen

Ein respektvolles, ebenso spannendes wie komisches Kräfteringen steht dagegen im Mittelpunkt von «Das persische Krokodil». Houchang Allahyari begleitet darin zwei iranische Wildhüter bei ihrem Versuch, ein Krokodil zu befreien, das sich in ein Auffangbecken verirrt hat. Ebenfalls nach Iran entführt der Dokumentarfilm «Trucker and Fox», in dem Arash Lahooti schildert, wie ein Lastwagenfahrer nach dem Tod seines geliebten Fuchses zusammenbricht und nur langsam über den Verlust hinwegkommt.

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