Geistesgegenwart und Stumpfsinn

Ellery Eskelin, John Abercrombie und das skandinavische Quintett Atomic hielten am Jazzfestival Willisau die Fahne für den Jazz hoch. Mit rund 4500 Besuchern konnten die Zuschauerzahlen der letzten Jahre bestätigt werden.

Tom Gsteiger
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Ein Höhepunkt in Willisau: Saxophonist Ellery Eskelin. (Bild: Jazzfestival Willisau/Marcel Meier)

Ein Höhepunkt in Willisau: Saxophonist Ellery Eskelin. (Bild: Jazzfestival Willisau/Marcel Meier)

Nein, im idyllischen Luzerner Hinterland ist die Flüchtlingskrise noch nicht angekommen. Und so wurde in den Pausen des Jazzfestivals Willisau leidenschaftlich über Nebensächlichkeiten debattiert. Gesprächsstoff für überflüssigen Insider-Smalltalk war in Hülle und Fülle vorhanden: Arno Troxler hatte im Programm einmal mehr etliche Gruppen untergebracht, mit denen man Jazzpuristen auf die Palme bringen kann.

Grusel-Performance

Aber macht es wirklich Sinn, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob der peinliche Western-Klamauk des Los Dos Orchestra wirklich von Zürich nach Willisau gebracht werden musste? Da könnte man sich geradesogut über den Wahlsong der SVP lustig machen. Und über die mit Musik untermalte Lesung des Schriftstellers Tim Krohn braucht man ebenfalls nicht viele Worte zu verlieren. Da stellt man sich eher die Frage, was sich Eltern dabei denken, ihre Kleinkinder an die lärmig-scheussliche und völlig stumpfsinnige Grusel-Performance des Free-Jazz-Opas Peter Brötzmann mitzuschleppen. Setzt man nun auch im progressiven Jazzmilieu auf autoritäre Erziehungsmethoden?

Alchemie und Magie

Aber wie steht es mit dem ernsthaften Jazz? Also dieser wunderbaren und multidimensionalen Musik, die sich durch die Alchemie der Materialverwandlung und die Magie der spontanen Interaktion auszeichnet. Solche Musik hatte heuer in Willisau einen schweren Stand, aber wenn sie erklang, ging einem das Herz auf, der Geist geriet in Bewegung und die Seele frohlockte. Da war der versöhnliche Abschluss mit dem Quartett des 70jährigen Gitarristen John Abercrombie. Mit dem Klangmagier Marc Copland am Klavier, dem agilen Bassisten Drew Gress und dem zugleich subtilen und kraftvollen Super-swinger Joey Baron am Schlagzeug musizierte Abercrombie entspannt und inspiriert - mal aus Wolke 7 schwebend, mal mit viel Vorwärtsdrang.

Böse Zungen könnten nun behaupten: Abercrombie hat es gut, er ist alt und muss niemandem mehr etwas beweisen, er braucht weder ein spezielles Konzept noch einen Cowboyhut, um sich auf dem Markt der Eitelkeiten zu behaupten. Dem muss man entgegenhalten: Letztlich sollte es nie um das Drumherum, sondern stets um das Innendrin gehen. Das gilt auch für die Hautfarbe. Trotzdem war es irgendwie irritierend, dass das diesjährige Festival beinahe von A bis Z blütenweiss daherkam – schliesslich war Willisau früher ein Epizentrum der Great Black Music.

Kompletter Jazz-Grossmeister

Nicht die Pigmentierung ist im Jazz letztlich entscheidend, sondern der Grad an Ernsthaftigkeit, mit der sich jemand auf die spezifischen Eigenschaften dieser Kunstform einzulassen bereit ist, inklusive Swingfeeling! Der Tenorsaxophonist Ellery Eskelin ist ein leuchtendes Beispiel dafür. Dass er – wie weiland Monk – gerne lustige Hüte trägt, ist bei ihm zum Glück nur eine Nebensächlichkeit. Unter dem Einfluss von Altmeistern aus der Swing-Ära wie Lester Young oder Coleman Hawkins hat sich Eskelin vom grossartigen Avantgardisten zu einem kompletten Jazz-Grossmeister gewandelt (wie es zur triumphalen Transformation kam, kann man auf seinem Blog nachlesen). In Willisau trat Eskelin mit zwei kongenialen Kollegen auf: Gary Versace an der Hammondorgel und Gerry Hemingway am Schlagzeug.

Eskelin bewegt sich nach wie vor äusserst souverän in abstrakten Gefilden, aber alles in allem in sein Spiel facettenreicher, eleganter, wärmer, sinnlicher und swingender geworden. Kommt hinzu, dass er mit seinem Trio an die für den Jazz essenzielle Standards-Tradition anknüpft. In Willisau standen unter anderem «My Melancholy Baby» aus dem Great American Songbook und Thelonious Monks «We See» auf dem Programm.

Weit auf die Äste hinaus gewagt

Eskelin & Co. spielen die Stücke allerdings nicht nach Schema F, sondern sie kombinieren ihre Moleküle zu neuen Substanzen, wobei sie wie verrückte Zauberlehrlinge vorgehen, die sich ständig gegenseitig überraschen. Man muss mit diesen Standards gar nicht vertraut sein, um zu merken, dass hier eine Gruppe am Werk ist, die sich sehr, sehr weit auf die Äste hinauswagt und trotzdem nicht abstürzt.

Haben also dieses Jahr am Jazzfest Willisau die Amerikaner die Kastanien alleine aus dem Feuer geholt? Nicht ganz. Das skandinavische Quintett Atomic hinterliess ebenfalls einen nachhaltigen Eindruck. Atomic bildet die Anti-These zu sphärischem Fjord-Jazz à la ECM. Wie diese seit anderthalb Jahrzehnten bestehende Gruppe Komplexität mit Grobschlächtigkeit, Abstraktion mit Action zusammenbrachte, war über weite Strecken absolut atemberaubend.