Geht es noch grösser?

Grössenwahn «Ich bin der grösste lebende Rockstar», ist Kanye West überzeugt. Der frischgebackene Vater und Rap-Star hat sein neues Album «Yeezus» genannt, nun wird er der Gotteslästerung bezichtigt. Marco Kamber

Drucken
Teilen
Kanye West würde sich eher als Gott denn als Mensch bezeichnen. (Bild: Universal Music)

Kanye West würde sich eher als Gott denn als Mensch bezeichnen. (Bild: Universal Music)

Kann man grössenwahnsinnig sein, wenn man sowieso schon der grösste seines Fachs ist? «I am a God», er sei ein Gott, meint Kanye West auf seinem frisch erschienenen Album «Yeezus». Es ist sein sechster Langspieler, seitdem er selber rappt. Begonnen hat er vor neun Jahren, er war aber schon vorher eine prägende Figur des Hip-Hop, fungierte er doch als Produzent von Beyoncé, Alicia Keys, Ludacris und des Rap-Riesen Jay-Z, für dessen Meisterwerk «Blueprint» er damals die Beats ausgedacht hatte.

«Blasphemie!»

Ein Jahreseinkommen von 30 Millionen Dollar und bisher 21 Grammy-Awards in der Tasche: Da kann einem der Erfolg schon mal zu Kopf steigen. Das sei Kanye West nun passiert, finden die Christenrocker von «P.O.D.». Sie werfen ihm sogar Gotteslästerung vor. «Er bringt die Menschen auf einen falschen Weg», äusserte sich die Band Anfang dieser Woche.

Kanye West hat das Stück «I am a God» geschrieben, nachdem ihn ein grosser Designer zu seiner Modeschau an der Paris Fashion Week eingeladen hatte – unter der Auflage, dass der Rapstar ausschliesslich diese Show besuche. «Niemand hat mir zu sagen, wo ich hingehen soll und wo nicht. Ich bin der grösste lebende Rockstar», äusserte sich Kanye dazu.

Da ist also null Ironie dabei, wenn er sich als Gott sieht. Und so hat er sich auf die Blasphemievorwürfe hin auch nicht entschuldigt. Vielleicht ja, weil er gerade Besseres zu tun hat. Beispielsweise die Charts-Plazierungen checken (in England ist «Yeezus» direkt auf Platz 1 eingestiegen) oder die Zeit als Vater geniessen. Mit seiner Verlobten, dem It-Girl und Reality-TV-Star Kim Kardashian, kann er sich nämlich über sein diese Tage geborenes Töchterchen freuen. Es erhielt übrigens den Namen «North» – und folglich wird im US-Pass der Kleinen «North West» stehen. Das soll aber, so schreiben Promi-Newsportale, nichts mit der gleichnamigen und eher unkomfortablen Airline zu tun haben. Es stecke kein geschmackloser Werbe-Deal dahinter. Vielmehr geht es um Norden – oben. Freunde des Paares sagen, die Kleine sei «das Allerhöchste, der Polarstern» für das Promi-Pärchen.

Delikat im Mainstream

Das passt zu Kanye West, der gerne polarisiert. Übrigens auch mit seiner Musik, die eigentlich ja das Zentrum seiner Person ausmacht. Auf «Yeezus» irritiert der 36-Jährige grosszügig. Schon das erste Stück, ein verzerrtes Synthesizer-Intermezzo, bei dem auch Daft Punk ihre Finger im Spiel hatten, ist (auch nach dem zehnten Mal hören) weder club- noch wohnzimmertauglich. Das souligere «Blood on the leaves», in dem Nina Simones Stimme immer wieder Billie Holidays «Strange Fruit» zitiert, wirkt da schon eingängiger, erinnert an seine Vorgänger. Die Tracks auf «Yeezus» sind sehr delikat strukturiert, so, dass nie zu viel Dynamik entsteht; die Samples teils vertrackt aneinander gereiht, der Groll manchmal gut hörbar. Es scheint, als habe Kanye West viel zu sagen. Er mag seine Hörer aufmerksam vor den Lautsprechern haben – nicht aber tanzend im Club. West wagt auf seinem neuen Werk, das sich immerhin millionenfach verkaufen wird, viel Spielereien, grobe Breaks und gewöhnungsbedürftig harte Sample-Wechsel, wie man sie sonst eher von Nischen-Künstlern kennt. Das braucht Mut, gerade bei der grossen Audienz, wie er sie geniesst.

«Gegen Kulturverdummung»

Anscheinend geht es ihm um Grosses. Darum, dass der Hip-Hop künstlerische Weiterentwicklungen erlebt. Darum, die bremsenden Grüppchen-Kriegereien und Zugehörigkeits-Zickereien, die es auch heute immer noch gibt, zu sprengen: «Ich kämpfe dagegen, dass die Kultur verdummt, und ich werde nie aufhören, dagegen zu kämpfen», meinte er vor zwei Wochen mitternachts in einer Halle der Art Basel, wo er eine spontane Vorhör-Session seines neuen Albums geschmissen hat. Ein paar hundert Leute kamen – Tausende lasen nachher, was die Zeitungen berichteten. Ja, Kanye West tanzt auf vielen Bühnen. Und er weiss, wie er es wo machen muss. Die meisten fressen ihm aus der Hand, so auch Feuilletonisten, die in Kritiken gerne Vergleiche zu Jazzlegenden wie Miles Davis und Co. ziehen.

Zurück zur Frage, ob da Grössenwahn überhaupt noch möglich ist? West beantwortet sie immer wieder gern, nonchalant und mit ernstem Blick: «Ich bin Axl Rose, ich bin Jimi Hendrix, ich bin Jim Morrison – ich bin die Nummer eins der lebenden Rockstars!» Die Zahlen sagen dasselbe. Doch das Konzept des Grossmauls wird immer verpönter. Wie lange hört man ihm wohl noch zu?