Gehör für «schwierige» Musik

Pro Helvetia lanciert drei Uraufführungen von Vassena, Szeghy und Kikoutchi – geglücktes moderiertes Konzert des Sinfonieorchesters St. Gallen

Charles Uzor
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ST. GALLEN. Eine kluge Programmierung lohnt sich. Dies zeigte das Konzert in der Tonhalle mit Schweizer Uraufführungen. Mit dem engagierten Sinfonieorchester St. Gallen verführt der Osnabrücker Dirigent Hermann Bäumer das Publikum zu ungewohnten Klängen und bringt es bei mehrmaligem Hören der Werke zum Gespräch seltener Offenheit. Die Skepsis, ob sich ein Live-Chat auf den Konzertsaal übertragen lässt, erwies sich als unbegründet. Durch die Feinarbeit von Dirigent und Orchester wurde der Abend zum Erlebnis. Das Konzept der «Œuvres Suisses» – Pro Helvetia unterstützt Schweizer Orchester, die Schweizer Komponisten spielen – gibt «schwieriger» Neuer Musik die Chance, überhaupt gehört zu werden. Im erstaunlich offenen Publikumsgespräch, moderiert durch Mariel Kreis, zeigt sich, dass diese Musik nicht nur nervt, sondern hässlich und schön sein darf und mit ungehörten Klangfarben auch bezaubern kann – jedenfalls eine Spur hinterlässt. Die stilistische Vielfalt der Werke wirkt anregend, wenn auch ihr Zugang extrem divergiert.

Nadir Vassenas spektral-mikrotönige «vergessene Lieder» erinnern an Rituale und tibetisch-afrikanische Landschaften. Das raffiniert orchestrierte Werk wird positiv aufgenommen, teilweise aber auch als «hässlich» oder «monoton» empfunden. «Im Park meines Vaters» von Iris Szeghy erstaunt durch eine spontane Figürlichkeit – Vögel, Insekten, Springbrunnen, die im nachhinein allerdings als Bäume entlarvt werden. Die zarten Momente des pointilistischen Beginns, die reizvollen Mixturen von Crotales, Glockenspiel und hohen Streichern empfinden andere als leer oder schlichtweg zu lang. Vielleicht ist dies das Grundproblem der Wahrnehmung Neuer Musik, bei der man sich unliebsamen Klängen ausgeliefert fühlen kann. Dass Neue Musik (wie moderne Kunst und Literatur, die insofern aber zugänglicher sind) keine Idylle vortäuschen könne, dass in allen Zeiten das Neue konfrontiere, dass die Musik ein Spiegel unserer Welt sei und dass sie den Mut zur Schönheit brauche, wird kontrovers diskutiert.

Den abschliessenden Mini-Contest, welches Werk nochmals gehört werden solle, gewinnt Ezko Kikoutchis «Miraï». Die Klangsprache der Schweiz-Japanerin besticht durch grosse Farbigkeit und Poesie. Gekonnt imitiert das Fagott zu Beginn den Klang der Shakuhachi-Flöte und nimmt den Hörer unvermittelt in eine weite Klangreise. Die Architektur der raffinierten Orchesterklänge bleibt wie ein leuchtendes Mobile in Balance und steter Bewegung. Ein Werk, das ins Abonnement gehört und bald wieder aufgeführt werden müsste.