Geheimsache Codeknacker

Der spannende Historienthriller «The Imitation Game» zählt zu den Oscar-Favoriten. Benedict Cumberbatch als Codeknacker Alan Turing ist grossartig. Die Crux steckt in Details.

Andreas Stock
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Die Codeknacker von Bletchley Park: Keira Knightley, Matthew Beard, Matthew Goode, Benedict Cumberbatch und Allen Leech (von links). (Bild: pd)

Die Codeknacker von Bletchley Park: Keira Knightley, Matthew Beard, Matthew Goode, Benedict Cumberbatch und Allen Leech (von links). (Bild: pd)

Habe ich Ihre Aufmerksamkeit? Die Frage richtet ein schlaksiger und provozierend selbstbewusster Mann an ein Gegenüber, das wesentlich nervöser scheint. Die Szene spielt sich 1951 in einem Verhörraum in Manchester ab. Der souverän auftretende Alan Turing wird verhört, weil der Polizist in ihm einen russischen Spion vermutet. Dies, nachdem Turing einen Einbruch in seiner Wohnung gemeldet hatte und die Polizei dort seltsame, raumfüllende elektronische Apparate zu sehen bekam.

Geheimsache Bletchley Park

1951 ist einer von drei Zeitabschnitten, in die Graham Moore sein clever gebautes Drehbuch gliedert. Es blickt zurück ins Jahr 1928, auf die Schulzeit von Turing, doch hauptsächlich auf die Jahre 1939-45 in Bletchley Park. Auf dem Landsitz nordwestlich von London arbeiten während des Zweiten Weltkriegs zahlreiche Menschen geheim im Auftrag der Regierung. Der geniale Mathematiker Alan Turing wird in ein Team von Kryptographen berufen. Er soll mit ihnen versuchen, die Codes der Enigma-Maschine zu entschlüsseln. Auf ihren Codes beruht der deutsche Funkverkehr. Gelänge es, die Meldungen zu entschlüsseln, könnten sich die Alliierten auf die Angriffspläne Deutschlands vorbereiten oder sie gar vereiteln. Doch die Codeknacker stehen vor einem unmenschlichen Rätsel: Zu zahlreich sind die Kombinationen, die zudem täglich wechseln.

Maschine und Menschlichkeit

Der Einzelgänger Turing, der mit seiner überheblichen Art oftmals aneckt, sucht einen anderen Weg. Er will mit einer Maschine, die er «Christopher» nennt, einen Rechner konstruieren, der die Entschlüsselungsarbeit viel effizienter leisten kann. Den Wettlauf mit der Zeit schildert der norwegische Regisseur Morten Tyldum spannend, wenngleich seine Inszenierung konventionell bleibt. Reizvoll ist der im Drehbuch angelegte Subtext, der sich allgemein um Codes sowie Schein und Sein dreht. So hat Turing Mühe mit den Codes zwischenmenschlicher Interaktion. Und mehrere Figuren verschlüsseln oder verbergen etwas.

Benedikt Cumberbatch verkörpert den genialen wie enigmatischen Mathematiker grandios. An seine Seite wird unter anderem die Kryptographin Joan Clarke gestellt, gespielt von Keira Knightley. Sie verleiht der Rolle und dem Film Wärme und Menschlichkeit. Clarke dient als emotionale Identifikationsfigur und entwickelt eine quasi romantische Beziehung zu Turing.

Codierte Homosexualität

Obwohl die beiden tatsächlich kurze Zeit verheiratet waren, erhält diese Beziehung dennoch seltsam viel Gewicht angesichts der Homosexualität von Turing. Diese wird denn auch irritierend zurückhaltend abgehandelt, ist quasi ebenfalls codiert. Zwiespältig wirkt auch manche Ungenauigkeit. So ist zwar nicht entscheidend, dass Turing 1952 und nicht 1951 verhaftet wurde. Aber es ist ein frappanter Unterschied, ob er dies wegen des Verdachts der Spionage, oder – wie es der Fall war – wegen der damals gesetzlich verfolgten Homosexualität wurde. Ganz zu schweigen von jener Szene, in der Turing der Dramaturgie zuliebe gar zum Verräter gestempelt wird, weil er seine Homosexualität geheim halten will. Der 1954 in den Suizid getriebene Pionier der Computertechnologie rückt damit unnötig ins schiefe Licht.

Die Leistung von Alan Turing, und der vielen anderen Menschen in Bletchley Park, blieb bis in die 1970er Jahre geheim. Und erst 2009 wurde Turing von der Regierung für seine «ausserordentlichen Verdienste» gewürdigt. Königin Elisabeth II. gewährte ihm 2013 posthum eine «königliche Begnadigung».

Ab Donnerstag in den Kinos