Gegenwärtige Vergangenheit

Das Kunstmuseum St. Gallen zeigt zum ersten Mal in der Schweiz eine umfassende Ausstellung des irischen Videokünstlers Gerard Byrne. In seinen Arbeiten untersucht er, wie in unserer Kultur Gegenwart entsteht.

Christina Genova
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Gerard Byrne zeigt seine Videoarbeiten in ausgeklügelten Rauminstallationen. (Bild: Urs Bucher)

Gerard Byrne zeigt seine Videoarbeiten in ausgeklügelten Rauminstallationen. (Bild: Urs Bucher)

ST. GALLEN. Männer kommen in Gerard Byrnes Videoarbeiten ziemlich schlecht weg. Der Philosoph Jean-Paul Sartre wird als alter Macho, Frank Sinatra als grossspuriger Schwätzer vorgeführt. Wichtigtuerisch fachsimpelt letzterer mit Lee Iacocca, dem CEO von Chrysler, über das neuste Traumauto des Unternehmens, während sie durch die heruntergekommenen Strassen von Long Island spazieren. Die Diskrepanz zwischen dem Inhalt des Gesprächs und der alles andere als glamourösen Szenerie ist offensichtlich. Tatsächlich sind es aber nicht Sinatra und Iacocca, sondern zwei Schauspieler, die das konstruierte Gespräch nachspielen. Es war in einer Werbeanzeige von Chrysler aus dem Jahr 1980 abgedruckt.

Auto als Statussymbol

Gerard Byrne (*1969), der im Kunstmuseum St. Gallen in der Ausstellung «A Late Evening in the Future» erstmals in der Schweiz einen Überblick über sein Schaffen ermöglicht, zeigt in seiner 2002 entstandenen Videoarbeit «Why it's time for Imperial, again» fast überdeutlich, wie sich das gesellschaftliche Verhältnis zum Auto gewandelt hat. Derart plumpe Anpreisungen wie jene von Sinatra und Iacocca wären heute so nicht mehr möglich. Dennoch ist das Auto ein Statussymbol geblieben.

Es gehört zu den künstlerischen Strategien Byrnes, die Vergangenheit gegenwärtig zu machen, indem er historische Texte von Schauspielern nachspielen lässt. Bei allen acht in St. Gallen gezeigten Videoarbeiten wählt der irische Künstler diese Vorgehensweise. Seine Re-Enactments erlauben ein Nachdenken über den raschen Wandel von Moralvorstellungen und Werthaltungen: Was heute als unumstössliche Gewissheit erscheint, gilt vielleicht schon morgen als überholt. Anderseits wirken als antiquiert betrachtete Ansichten länger nach, als man es gemeinhin wahrhaben will.

Die weibliche Sexualität

Dies zeigt sich auch in Byrnes Videoarbeit «A man and a woman make love», die 2012 für die Documenta in Kassel entstand. Inszeniert wird wiederum von Schauspielern eine Diskussion zum Thema Erotik zwischen den Surrealisten André Breton, Benjamin Péret, Jacques Prévert und Yves Tanguy, die 1928 in der Zeitschrift «La Révolution surréaliste» abgedruckt war. Die illustre Künstlerrunde in Anzug und Krawatte diskutiert in einer gediegenen Wohnzimmerkulisse über die Vorteile von Bordellen oder die weibliche Sexualität – Frauen, die sich dazu äussern könnten, sind keine anwesend. Deshalb mit dem Finger auf die Surrealisten zu zeigen, ist jedoch nicht angebracht. Denn auch heute, trotz Pornos und nie gekannter Freizügigkeit auf allen Kanälen, sind die Geschlechter weit davon entfernt, miteinander unverkrampft über Sexualität reden zu können.

Projiziert wird die mit mehreren Kameras aus verschiedenen Perspektiven aufgenommene Gesprächsrunde auf mehrere Quader. Die Bilder wandern im Raum, der Betrachter befindet sich deshalb ständig in Bewegung. Dasselbe geschieht mit allen Videoarbeiten der Ausstellung, die aufgrund einer ausgeklügelten Choreographie nie alle gleichzeitig und jeweils abwechselnd auf mehreren Bildschirmen zu sehen sind.

Überforderung ist Programm

Über 360 Minuten Film umfasst die Ausstellung; es ist also nahezu unmöglich, aber auch gar nicht nötig, alle von Byrnes Videoarbeiten, die von einer gewissen Redundanz sind, in ihrer vollen Länge zu sehen: «Es hat mich stets interessiert, Videoarbeiten zu realisieren, die nicht vollständig konsumiert werden können», sagt der Künstler. Das ist ihm gelungen. Die Überforderung der Betrachter ist bei dieser Ausstellung also Programm. Damit muss man umgehen können. Es ist entsprechend eine Schau für geübte Ausstellungsgänger. Erschwerend kommt hinzu, dass alle Videos englisch gesprochen sind. Um den Einstieg in die Handlung zu finden, ist es deshalb von Vorteil, das ausführliche, fünf Seiten umfassende Saalblatt zu konsultieren oder gleich an einer öffentlichen Führung teilzunehmen.

Bis 13.9.; Führung So, 5.7., 11 Uhr