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Roman: Gegen die Fantasie ist selbst Tito machtlos

Geschichten erfinden, das bleibt dem Kind als einziges von seiner Mutter, die eines Tages von der ­Staatsmacht abgeholt wird. Der Zürcher Karl Rühmann schreibt in seinem Buch über seine jugoslawische Kindheit.
Charles Linsmayer
Autor Karl Rühmann. (Bild: PD)

Autor Karl Rühmann. (Bild: PD)

Dank einer wunderbaren Begabung überlebt ein Kind unangefochten seine schweren frühen Jahre im kommunistischen Jugoslawien: Es besitzt eine ungestüme Fantasie und die Fähigkeit, Geschichten zu erfinden. Und es traut, wie die geheimnisvollste Gestalt des Buches, ein pensionierter Major, es auf den Punkt bringt, ohne Wenn und Aber der Erfahrung, «dass die Dinge nicht so sind, wie sie sind, sondern wie man sie vorspielt».

Der Junge ist namenlos, wird zumeist «das Kind» genannt, erzählt aber auch in Ich-Person und gibt nicht nur die eigenen Geschichten preis, sondern auch solche, die ihm andere erzählen. Ein Findel- oder Adoptivkind wie Oliver Twist, dessen Geschichte er heimlich verschlingt, wächst er von 1959 bis 1970 in Jugoslawien bei einem dissidenten Ehepaar auf und ist mit ihm zusammen den Verfolgungen des Regimes ausgesetzt. Nach einer Rauferei unter Schülern kommt er in eine Erziehungsanstalt, aus der ihn der erwähnte Ex-Offizier herausholt. Er ist elf, als es den Pflegeeltern gelingt, ihn in den Westen ausreisen zu lassen.

«Ziegelrot» statt «zwecklos»

Das Kind lässt die Indoktrination abprallen, indem es aus Wörtern wie «verhaften» oder «wegbringen» «verwöhnen» oder «beschenken» macht und «zwecklos» durch sein Lieblingswort, «ziegelrot» ersetzt. Dem übergrossen Tito auf den Plakaten ringt es ein Lächeln ab, aus der Lehrerin macht es eine Piratin, aus dem Margarinebrot eine Banane, und als Tito in seinen Reden gegen die Dissidenten das Wort «Kralle» verwendet, überlegt es sich, welches Tier es am liebsten sein möchte, ein Spatz oder ein Maulwurf.

Wenn es verhört wird, bringt es mit seinen fantastischen Antworten Lehrer und Beamte zur Verzweiflung, hüllt sich selbst aber schützend in eine Aura ein, die von Rittergeschichten, Comics, Science-Fiction-Filmen oder Erinnerungen an kurze Glücksmomente genährt ist. «Ich heisse Jimmy und bin ein Cowboy», erklärt es dem verdutzten Polizisten, und mit den erfundenen Geschichten vom Himmel und vom Meer gelingt es dem Kind, den alten Major restlos in seinen Bann zu schlagen.

Karl Rühmann: «Glasmurmeln, ziegelrot. Roman». Rüffer & Rub, 168 S., Fr. 30.–

Karl Rühmann: «Glasmurmeln, ziegelrot. Roman». Rüffer & Rub, 168 S., Fr. 30.–

Eindrückliche Geschichten

Wunderbar auch die Geschichte von den Pinguinen, die sich von den Möwen das Fliegen haben ausreden lassen und die erst wieder fliegen können, wenn ihnen jemand die Wahrheit sagt. Dede, der Grossvater, ist es, der das erzählt, und eine der schönsten Geschichten des Buches, die die Mutter dem Kind erzählt, ist jene vom Kuchen, wo auf hinreissende Weise deutlich wird, wie Armut und Entbehrung schon etwas Geringes zum Glückserlebnis machen können.

Manches ist etwas heterogen in dem Buch, Form und Inhalt kommen nicht immer ganz zur Deckung. Aber die poetische Kraft, mit der da erzählt wird, imponiert, und die Art und Weise, wie darin das Kindsein als ein Eingebettetsein in eine Welt des Geheimnisvollen, Märchenhaften, noch nicht Verstandenen zum Faszinosum wird, macht das Buch über die konkreten historischen Hintergründe hinaus zu etwas unbedingt Lesenswertem.

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