Gegen den Körperwahn

Melissa Müller
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Brigitte Giraud (Bild: Getty Images)

Brigitte Giraud (Bild: Getty Images)

Giraud Rote Flecken breiten sich aus, brennen auf dem Körper des kranken Kindes. «Ich bin ein Hummer, in kochendes Wasser geworfen, der innerlich schreit und unfähig ist, seine Gliedmassen zu bewegen.» Der Schmerz ist nicht das Schlimmste, es ist die Scham, mit entblössten Pobacken dazuliegen. «Anfangs ist mir nicht bewusst, dass ich einen Körper habe. Dass mein Körper und ich für immer zusammenbleiben werden.» Die Französin Brigitte Giraud beschreibt nüchtern und präzis die Entwicklung ihrer namenlosen Ich-Erzählerin, die anfangs lieber ein Bub sein will. Das geschieht allein über die Körperwahrnehmung, sie beobachtet sich selbst von Kopf bis Fuss. «Einen Körper haben» ist ein Buch gegen den Körperwahn und die Entfremdung von sich selbst. Aus dem Mädchen wird eine Frau, aus ihr die genussvolle Geliebte eines Mannes, eine Schwangere und Mutter eines Sohnes. Als ihr Lebensgefährte bei einem Autounfall stirbt, wird ihr der eigene Körper unerträglich fremd. Die 1960 in Algerien geborene Autorin schildert das wenig spektakuläre Leben einer normalen Frau. Und doch konnte ich dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen. Das liegt an der unaufgeregten, klaren Sprache, in der Brigitte Giraud alltäg­liche Dinge wie durch einen Zauber in einem anderen Licht erscheinen lässt.

Melissa Müller