Gegen das Verschwinden

Der St. Galler Matthias Messmer hat gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin Hsin-Mei Chuang ein aussergewöhnliches Buch verfasst über das weite und unbekannte Hinterland Chinas.

Brigitte Schmid-Gugler
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Hsin-Mei Chuang und Matthias Messmer mit ihrem Band «China's Vanishing Worlds». (Bild: Ralph Ribi)

Hsin-Mei Chuang und Matthias Messmer mit ihrem Band «China's Vanishing Worlds». (Bild: Ralph Ribi)

Es ist ein schweres und mit 330 Seiten ein umfangreiches Werk. Inhaltlich so dicht, als ob es mit aller Macht des Wortes gegen das Verschwinden anschreiben möchte. Die von achtsamer Distanziertheit geprägten Aufnahmen von Matthias Messmer, häufig grossformatig, sind bilderbuchartig angerichtet; das Text-Bild-Verhältnis für die Betrachtenden ein physisch-taktiles Wahrnehmen vom «An-die-Grenzen-Gehen». Einmal aufgeschlagen, legt man das Buch mit dem Titel «China's Vanishing Worlds» nur noch ungern aus der Hand, denn es eröffnet einem tatsächlich einen ungewohnten und ungewöhnlichen Blick auf «die verschwindenden Welten» des grossen Reiches mit 1,3 Milliarden Einwohnern.

Abseits der grossen Zentren

Über China ein weiteres Buch zu schreiben, scheint beim spontanen Blick auf die unzähligen Publikationen Eulen nach Athen getragen. Allen diesen Werken zum Trotz oder gerade als Ergänzung dazu, wollten Chuang/Messmer einen anderen hochaktuellen Aspekt in Chinas jüngerer Entwicklung aufarbeiten. Und es ist ihnen ohne theoretisches Geflunker und ohne anbiederndes Schein-Anteilnehmen gelungen. Abseits der boomenden Megacitys, der Hochgeschwindigkeitslinien, der Kunst-Hypes und der Skandale über Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung richteten sie ihren Focus auf jenes China, welches im Schatten des rauhen ausbeuterischen Global-Treibens steht und das geographisch immer noch den unvergleichlich grösseren Anteil des Landes ausmacht.

Auf die entlegensten Winkel dieses Landes haben sich Matthias Messmer und Hsin-Mei Chuang eingelassen. Beharrlich und mit der Akribie der neugierig Unersättlichen machten sie sich auf. Fünf Jahre haben sie sich Zeit genommen, stiessen vor bis an die nördlichsten Grenzen Chinas. Sie reisten per Flugzeug, Auto und, wo es nicht anders ging, zu Fuss. Sie übernachteten in Häusern von Menschen, die ihnen ein Lager anboten, weil es in abgelegenen Dörfern weder ein Hotel noch sonst irgendwelche Infrastrukturen für Touristen gibt. Sie wurden freundlich empfangen und oft bestaunt: Einen hochgewachsenen weissen Mann, dem Haare an den Unterarmen wachsen, sieht man dort nicht alle Tage, und auch die markante Nase des Europäers wurde berührt, auf ihre Echtheit geprüft. Heitere Augenblicke, die haften bleiben und dort, wo das Forscherpaar dem ländlichen und kaum je beleuchteten Alltag lauscht, oft das Eis brechen.

Menschen beginnen zu erzählen, weil sie spüren, dass ihnen jemand mit offenem und aufrichtigem Interesse zuhört. Sie schildern ihren, wenn auch nicht gerade vom Hunger bedrohten, so doch kärglichen Alltag, der weit entfernt ist vom Reizwort «Wirtschaftswunder». Denn in den abgelegenen Gegenden der sozialistischen Volksrepublik bedeuten gerade die Folgen dieses Aufschwungs den unaufhaltsamen Niedergang von uralten Traditionen und Lebensformen.

Das fortschreitende «Verschwinden von Kulturlandschaften in einem Land, das doppelt so gross ist wie alle Länder der Europäischen Union», sei der hohe Preis, den die Modernisierung fordere, sagen die Autoren. In zehn in englischer Sprache verfassten Kapiteln (im Anhang mit deutscher Übersetzung) lassen sie Menschen in ihrer Würde und in ihrem Stolz zu Wort kommen, deren Familienstrukturen durch die Landflucht zerstört wurden. Sie werfen ein Licht auf das Umfeld hinter den Gesichtern, das nicht einmal die eigenen Landsleute mehr kennen. Sie erzählen von Riten, von Glauben und vom Übernatürlichen. Sie zeigen architektonische Besonderheiten auf, wie etwa die ins Erdreich gebauten Höhlenhofhäuser in der Provinz Henan.

Sprachkenntnisse unabdingbar

Die Texte nehmen gefangen, sie sind beunruhigend und zauberhaft zugleich. Messmer und Chuang gelingt dieser staunende, in keinem Fall anklagende Duktus im einfachen Hinschauen ohne Fingerzeig – auch in Stuben und Schlafzimmer, wo bis heute noch häufig Mao gehuldigt wird, dessen Schreckensherrschaft 70 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Zu Hilfe kamen den beiden Reisenden ihre Sprachkenntnisse – die Muttersprache der aus Taiwan stammenden Medienwissenschafterin und Kulturvermittlerin Hsin-Mei Chuang ist Chinesisch. Der Autor und Fotograf Matthias Messmer studierte Staatswissenschaften, er lernte die Sprache im Laufe seiner Forschungstätigkeit. Vor zwanzig Jahren reiste der St. Galler das erste Mal und danach immer wieder nach China, bis er sich 2005 definitiv in Shanghai niederliess. Er ist einer von heute 700 in Shanghai und Umgebung registrierten Schweizern.

Die Landflucht sei aus ihrer Sicht eines der grössten Probleme in China. Ein Anhaltenwollen der rasanten Urbanisierung aussichtslos, sagen Chuang und Messmer, die ihr Werk diese Woche in St. Gallen vorstellen werden. Ob das gut oder schlecht ist, lässt sich vielleicht mit dem Buch «China's Vanishing Worlds» ein Stück weit beantworten.

«China's Vanishing Worlds», Benteli-Verlag Sulgen, 70 Franken Die Vernissage am kommenden Mittwoch in der Buchhandlung zur Rose ist ausgebucht.