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GEFROREN: Die flüchtige Schönheit des Eises

Die unsichtbare Kraft der Kälte verändert die Landschaft. An Wasserfällen kann man plötzlich hochklettern, Seen werden zu schwarzen Spiegeln und Badende zu Helden.
Katja Fischer De Santi
Gefrorene Wasserfälle kann man erklimmen. (Bild: Getty)

Gefrorene Wasserfälle kann man erklimmen. (Bild: Getty)

Katja Fischer De Santi

Kaum fällt das Thermometer auch im Flachland merklich unter Null, geht das Gejammer los. Als ob uns Warmblüter bei minus zehn Grad gleich das Blut in den Adern gefrieren würde und die Schockstarre nicht mehr weit wäre. «Bleiben Sie besser zu ­Hause!», warnte am Sonntag eine Online-Zeitung. Die Bewohner von Oimjakon, einem Dorf im Nordwesten Sibiriens, können darüber nur lachen. Im Winter fällt bei ihnen das Thermometer regelmässig unter minus 50 Grad. Der neuseeländische Fotograf Amos Chappel verbrachte 2014 einige Wochen in dieser «kältesten Stadt der Welt». Er lernte, dass Handys bei diesen Temperaturen nicht mehr funktionieren, dass Plumpsklos zuverlässiger sind als gefrorene Wasserspülungen und ein verlorener Handschuh wochenlange Schmerzen in den Fingern nach sich zieht. Fotografieren konnte er jeweils nur für wenige Stunden, dann gab der Akku seiner Kamera den Geist auf. Menschen bekam Chappel kaum je zu Gesicht. Die wenigen, die er traf, bezeichnet er als Helden des frostigen Alltags. Seine und die Bilder gut zwei Dutzend weiterer Fotografen sind im kürzlich erschienen Bildband «Endlich Winter» versammelt. Eine Hommage an die Kälte, den Schnee und das Eis. Das prächtige Buch erinnert daran, dass die Kälte ein Grund sein kann, erst recht rauszugehen. Das Unwegsame zu wagen. Dorthin, wo sich der Kälte wegen niemand hinwagt.

Diese unsichtbare Kraft, die Wasserfälle über Nacht in riesige Skulpturen verwandelt, die aus Seen schwarze Spiegelflächen macht, ist eine allzu vergängliche Wucht. Der immer mehr Menschen verfallen. Etwa der Schweizer Fotograf Franco Banfi, der schwer beladen mit Ausrüstung in das tiefe Labyrinth der Eishölen des Sassolo Gletschers taucht. Unter meterdicken Eisschollen, wo sich das Sonnenlicht nur noch in Blautönen zeigt, macht er seine Bilder.

Nicht weniger gefährlich ist das Eisklettern. An gefrorenen Wasserfällen und ausserirdisch anmutenden Formationen hangeln sich Kletterer Meter um Meter in die Höhe. Dabei müssen sie das Eis lesen wie ein Buch. Wo ist es fest, wo wird es brechen? Wie muss man vorgehen, um dem fragilen Bauwerk möglichst wenig Schaden zuzufügen? Eisklettern gilt als die Königsdisziplin des Klettersports. Wunderschön, aber auch extrem anspruchsvoll.

Wenn die Kälte tausend Nadeln in die Haut rammt

Andere trotzen der Kälte weniger spektakulär, aber nicht weniger mutig: Beim Eisschwimmen. Vom Scheitel bis zur Sohle ins eiskalte Wasser tauchen, sich behaupten, wenn die Kälte tausend Nadeln in die Haut rammt, das Wasser kalte Ohrfeigen verteilt. Weiter atmen, wenn die Kälte das Atmen fast unmöglich macht, um dann dieses Hochgefühl zu erleben, wenn Adrenalin und Endorphine Achterbahn fahren und das Leben über die Kälte siegt. Zumindest für ein paar ­Sekunden.

Mit Vernunft hat das Ganze nichts zu tun

«Der See singt», sagen Einheimische, wenn etwa in St. Moritz der See des Nachts knarrt, ächzt und knirscht. Das Eis produziert unter Spannung geheimnisvoll anmutende Geräusche, eine bizarre dissonante, aber rhythmische Symphonie. Aber kein Grund zur Sorge. Spannungsrisse und hörbare Ausdehnung bedeuten vielmehr gutes und gesundes Eis, sagen Eisexperten.

Womit wir beim ersten Schritt auf dem Eis wären. Das Wagnis, als erster auf der Fläche unterwegs zu sein. Trägt das Eis oder nicht? Mit der Schuhspitze wird die Härte getestet. Dann der erste zögerliche Schritt. Obwohl darunter das dunkle Wasser droht, wagt man sich weiter. Mit Vernunft hat das Ganze nichts zu tun. Und dann dort draussen auf dem Eis diese Weite. Ob mit oder ohne Schlittschuhe beginnt man zu rennen, zu schlittern, zu jauchzen. Lacht noch beim Ausrutschen, stampft mit den Hacken übermütig aufs knackende Eis. Wissend, dass dieser Moment so schnell nicht wieder kommt. In diesem Winter vielleicht gar nie.

Geniessen wir also die kalten Tage. Erfreuen uns an Eiszapfen, gefrorenen Bächlein und knirschenden Pfützen.

Endlich Winter Abenteuer in der Kälte. Gestalten Verlag, 255 S., Fr. 55.-

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