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Der St.Galler Regisseur Milo Rau zeigt in Zürich sein im Irak entstandenes Stück «Orest in Mossul»

Am Pfauen sieht man eine kranke, verrückte Welt, die in einer Endlosschleife von Krieg, Gewalt und Rache feststeckt.
Valeria Heintges
Auf der Bühne mischen sich Film und Schauspiel, Recherchereise, eigene Berichte und Theatertext. Bild: Fred Debrock

Auf der Bühne mischen sich Film und Schauspiel, Recherchereise, eigene Berichte und Theatertext. Bild: Fred Debrock

Welches Stück sie hören wollen? Der irakische Musiker schlägt «Imagine» von John Lennon vor oder «Wonderful World» von Louis Armstrong. Aber dann perlt «Mad World» von Tears for Fears in der Klavierversion über die Bühne, traurig, melancholisch, scheinbar endlos. Genau das sieht man in Milo Raus «Orest in Mossul», das am Zürcher Pfauen gastiert: eine «mad world», eine verrückte, kranke Welt.

Sie steckt fest in einer Endlosschleife von Krieg und Gewalt, Tod und Rache. Allein die Geschichte der Stadt Mossul – eine Abfolge von Kriegen: Briten, Türken, Iraner, Amerikaner schlugen sich mit den Irakern die Köpfe ein. Dazwischen und danach Bürgerkriege gegen Kurden, Schiiten, Sunniten. Und dann kommen die Dschihadisten, die in Mossul ihren Islamischen Staat ausrufen.

Sohn tötet Mutter

Mit seinem Team vom Niederländischen Theater NT Gent fuhr der Schweizer Regisseur und NT-Intendant Milo Rau nach Mossul, um dort die «Orestie» des Aischylos aufzuführen. Getreu dem Manifest, das er seinem Theater verpasst hat, das etwa nur 20 Prozent Originaltext erlaubt und Aufführungen in nur einer Sprache verbietet. Übrig bleibt von Aischylos dreiteiliger Tragödie nur das Gerüst, auch hier: eine Abfolge von Mord und Rache und Mord. Vater Agamemnon tötet seine Tochter Iphigenie, Mutter Klytaimnestra den Gatten und seine aus Troja mitgebrachte Sklavin, die Seherin Kassandra. Der Sohn Orest tötet die Mutter und ihren Geliebten Aigisthos. Und jetzt, fragt Aischylos im dritten Teil «Die Eumenyden» – geht das immer so weiter? Lässt sich der Kreislauf aus Mord und Rache nie zerschlagen?

Auf der Bühne mischen sich Film und Schauspiel, Recherchereise, eigene Berichte und Theatertext. Manche Szenen sind nur im Film zu sehen, manche nur auf der Bühne, einige werden doppelt gespielt und gesprochen; andere für die Zuschauer aus nicht einsehbaren Zimmern per Video übertragen. Die Akteure erzählen von den Dreharbeiten in Mossul, den Begegnungen mit den Menschen dort. Susana Abdul Majids Eltern stammen aus Mossul, sie selbst wurde in Belgien geboren. Duraid Abbas Ghaieb kommt aus Bagdad; auch er lebt heute in Belgien.

Johan Leysen bereitet sich mit 100 Stunden Filmmaterial von Hinrichtungen auf seine Rolle als Agamemnon vor. Ein Fotograf, Teil des Chors aus irakischen Schauspielstudenten, erzählt, dass er unter dem IS nur mit starken Objektiven arbeitete, um seinen Standort zu verschleiern; ein Musiker, dass er nur im Keller probte. Die Darstellerin der Iphigenie erinnert sich, wie Soldaten des IS Mädchen aus der Schule entführten und vergewaltigten. Heute werden diese als Ehrlose auch von ihren Familien verstossen.

Denn die Gewalt schwelt weiter. Das musste auch Rau erleben, der Orest und seinen Gefährten als homosexuelles Paar inszeniert und auf einer innigen Kussszene bestand. Das stiess auf Widerstand, wurde unter dem IS mit Todesstrafe geahndet. 2000 IS-Kämpfer leben wohl noch heute in Mossul. Gross ist die Angst, dass sie wieder an die Macht kommen könnten. Milo Rau hat die Szene nicht geändert, nimmt das Risiko in Kauf, seine Akteure zu gefährden. Denn seine Arbeiten leben von Grenzüberschreitungen und Provokationen jeglicher Art.

Zwiespältiger Eindruck und ein Höhepunkt

Aber nicht nur deshalb hinterlässt die Aufführung einen zwiespältigen Eindruck: Einerseits schockieren die Bilder der zerstörten Stadt, die Erzählungen der Menschen; es ist spannend zu sehen, wie die Schauspielstudenten über die Frage «Vergebung oder Vergeltung für die IS-Kämpfer» abstimmen und sich dann alle enthalten. Die Qual der Entscheidung steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Andererseits bleibt das Geschehen auf der Bühne fern. Dazu ist das Spiel oft zu statisch, die Filme amateurhaft, die Beiträge aufgesagt, die Botschaft zu überdeutlich.

Eine menschlich-allzumenschliche Szene wird zum heimlichen Höhepunkt: Wenn Agamemnon seine Rückkehr feiert und mit eigener Geliebten, Ehefrau und ihrem Geliebten beim Essen sitzt. Da umkreisen sich die vier wie Tiger im Käfig, jederzeit bereit aufzuspringen und tödlich zuzubeissen. Da plötzlich wird das grosse Welttheater zum hoch berührenden Kammerspiel.

Wieder am 20.-22.11., Pfauen, Zürich.

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