Gefallener Engel und reine Magd

Im Rahmen des Konstanzer Chorfestivals fand an zwei Abenden die Uraufführung von «Imperiamarie» statt. Ein vielschichtiges Werk des im Thurgau geborenen Komponisten Ulrich Gasser. Im Mittelpunkt stehen zwei unterschiedliche Frauenfiguren.

Katharina von Glasenapp
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KONSTANZ. Hätte Ulrich Gasser, seinen ursprünglichen Plan mit sieben Teilen verwirklicht, wäre wohl ein Werk von Wagner'schen Ausmassen daraus geworden. Nun haben Gasser und seine Gattin, die Librettistin und Theologin Eva Tobler, den Beitrag zum Konzilsjubiläum auf zwei Teile verdichtet, die in einem weltlichen und einem geistlichen Raum aufgeführt wurden. Im Rahmen des Konstanzer Chorfestivals erlebte man jetzt die Uraufführung von «Imperiamarie». Claus Gunter Biegert, Kantor und Kirchenmusikdirektor an der Konstanzer Lutherkirche, leitete das Vokalensemble, den Bach-Chor und die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz.

Draussen am Hafen, in Sichtweite des Publikums, dreht sich die Imperia, die neun Meter hohe Skulptur von Peter Lenk. Drinnen im Konzilgebäude geht der erste Teil von «Imperiamarie» über die Bühne, in dem also Imperia, «der gefallene Engel», im Mittelpunkt steht.

«Constanzia» kommentiert

Die prägenden Personen des Konzils haben sich eingefunden: die drei Päpste, Kaiser Sigismund und seine kluge Gattin Barbara von Cilli, Herzog Friedrich, der Reformprediger Jan Hus, der Minnesänger Oswald von Wolkenstein. Schliesslich Fida Pfister, die als einfache Bürgersfrau die Stimme des Volks ist, und ein «armes Pfäfflein», gleichsam ein Beobachter aus niederem geistlichen Stand, der den Reizen der Imperia nicht widerstehen kann. Nicht zuletzt gibt Ulrich Gasser den Bürgern der Stadt in einem Kammerchor eine eigene Stimme. «Constanzia» beobachtet und kommentiert das Geschehen, singt im Volksliedton und einfachen Kinderreimen. Diesen ersten Teil komponiert Gasser in kammermusikalischer Besetzung: Jedem Solisten ist ein bestimmtes Instrument als Begleiter gegeben: Die leuchtenden Soprantöne der Imperia (Mechthild Bach in grosser Klarheit) werden etwa von der Flöte umspielt, das Pfäfflein vom Akkordeon und der Piccoloflöte.

Zu viele Textbezüge

Für den Zuhörer besonders interessant ist die Postierung der Sänger und Instrumente im Raum: So hat man sie fast hautnah und direkt bei sich, dazu sind weitere Bläser und drei Schlagwerker mit reichem Instrumentarium im Raum verteilt, inmitten leitet Claus Gunter Biegert mit klarer Zeichengebung das Geschehen. Alle Beteiligten haben sich mit grossem Einsatz und Können auf dieses vielschichtige Werk eingelassen.

Problematisch aber sind die vielen Textbezüge und parallelen Stimmführungen, die das Textverständnis erschweren – ohne Programmheft kann man dem Ganzen nicht folgen.

Im Münster überzeugender

Ähnlich üppig und lang ist der zweite Teil des Werks, Marie, der «reinen Magd» gewidmet: Grösser besetzt in Chor und Orchester mit allen Solisten des Vortags und zusätzlich der grossen Orgel im Münster Konstanz. Die Kirchenakustik begünstigt die obertonreichen Klangmischungen, ebenso vielschichtig ist der Text mit der Anlage eines Rosenkranzgebets, mit Fürbitten von Votivtafeln, den grossen Gebeten und Auftritten der Konzilsprotagonisten. Durch den «geistlichen Ton», die spirituelle Kraft ist Gassers Musik an diesem Abend überzeugender und begeisternder, alle Mitwirkenden und der Komponist wurden vom Publikum ausgiebig gewürdigt.