Gefährliches Doppelspiel

In James Marshs «Shadow Dancer» gerät eine IRA-Aktivistin zwischen die Fronten, als sie auf Druck des Geheimdienstes MI 5 ihre eigenen Leute ausspionieren muss. Der dichte Thriller läuft derzeit im Kinok.

Walter Gasperi
Drucken
Teilen
Colette (Andrea Riseborough) sehnt sich nach einem freien Leben. (Bild: pd)

Colette (Andrea Riseborough) sehnt sich nach einem freien Leben. (Bild: pd)

Über den Nordirlandkonflikt gibt es schon zahlreiche Filme: Von John Fords «The Informer» (1935) über Carol Reeds «Odd Man Out» (1947) bis zu Ken Loachs «The Wind That Shakes the Barley» (2006) und Steve McQueens «Hunger» (2008).

Alles scheint über die blutige Auseinandersetzung, die 1994 mit einem Waffenstillstand offiziell beendet wurde, schon erzählt. Dennoch gelingt es James Marsh, der 2009 für seinen Dokumentarfilm «Man on a Wire» mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, dem Thema in seiner Verfilmung von Tom Bradbys 1998 erschienenem Roman neue Facetten abzugewinnen.

Leise, aber konzentriert

Marsh blendet in die letzte Phase des Konflikts zurück: 1993 werden schon Friedensverhandlungen geführt, doch Teile der IRA lehnen diese ab und wollen weiterkämpfen. Für diese soll die junge alleinerziehende Mutter Colette (Andrea Riseborough) in der Londoner U-Bahn eine Bombe deponieren. Doch Colette zögert. In ihrem Blick auf die Fahrgäste spürt man ihre Unsicherheit und Skrupel. Ohne den Zeitzünder zu aktivieren, lässt sie schliesslich ihre Tasche zurück und flüchtet, wird aber wenig später vom britischen Inlandsgeheimdienst MI 5 gefasst. Ihr droht eine langjährige Haftstrafe, in der sie ihren kleinen Sohn kaum sehen wird, es sei denn, sie kooperiert und spioniert ihre eigenen Brüder aus. Colette gibt dem Druck nach, begibt sich damit aber in höchste Lebensgefahr.

Klima des Misstrauens

Die äusseren Explosionen bleiben bis zum Finale aus, Hochspannung entwickelt der leise Thriller durch ein dichtes Drehbuch und konzentrierte Inszenierung. Statt Emotionen aufzubauschen erzählt Marsh nüchtern und distanziert, verzichtet auf grosse Dialoge und vertraut stattdessen auf eine präzise Bildsprache. Der politische Hintergrund wird weitgehend ausgespart, der Fokus liegt ganz auf den Auswirkungen aufs Private. Eindringlich zeigt «Shadow Dancer», wie die IRA Terror auch gegen die eigenen Leute ausübt, wie Misstrauen und Gewalt in die Familien eindringen. Doch das Doppelspiel gibt es auch auf der anderen Seite, denn auch Colettes Kontaktmann (Clive Owen) muss erkennen, dass er von seiner Chefin (eiskalt und fies: Gillian Anderson) nur benutzt wird. Enger und enger zieht Marsh das Netz um Colette, vermittelt die Ausweglosigkeit ihrer Situation auch in der Reduktion der Farbpalette auf kalte Blau- und Grautöne. Einziger Kontrapunkt dazu ist ihr leuchtend roter Regenmantel, der ihre Sehnsucht nach einem befreiten Leben vermittelt.

Kein Happy End

Zurückhaltend, aber intensiv spielt Andrea Riseborough diese Frau, bleibt undurchschaubar und nach aussen kühl, lässt aber spüren, wie es in ihr brodelt. Clive Owen überzeugt als ihr Kontaktmann, der sich zunehmend von persönlichen Gefühlen leiten lässt. Doch eine Liebesgeschichte kann sich nicht entwickeln, und auch kann es kein Happy End geben.

Im Kinok: heute Fr, 22 Uhr; 18.10., 21.30 Uhr; 21.10., 20.30 Uhr; 26.10., 21.30 Uhr; 28.10., 18.15 Uhr.

Aktuelle Nachrichten