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GEDICHTE: Aufgeladen mit Lebenssucht

Franz Hohler war einst ein zorniger junger Mann. Unterdessen begegnet ihm der Tod auf Schritt und Tritt. Darüber, dass er alt geworden ist, lächelt er weise.
Bettina Kugler
Schon morgens vor sechs wach und munter: Franz Hohler. (Bild: Mareycke Frehner)

Schon morgens vor sechs wach und munter: Franz Hohler. (Bild: Mareycke Frehner)

Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch

Gute Freunde sind schon vorausgegangen: Clown Dimitri, Urs Widmer und auch der italienische Schuhmacher um die Ecke, der Franz Hohler zwei zusätzliche Löcher in den Ledergürtel gestanzt hat. Eines Tages steht Hohler bei ihm mit unbesohlten Schuhen vor verschlossener Tür; ein Zettel an der kleinen Baracke hinter dem «Sternen» Oerlikon bittet um Verständnis: Infolge Todesfall für immer geschlossen.

«Ciao, maestro!» heisst der lyrische Nachruf auf Cosimo Gaetani im neuen Gedichtband «Alt?». Der Tod schleicht da auf knapp hundert luftig bedruckten Seiten allenthalben durch die Zeilen, erinnert jeden Tag in kleinen Zeichen daran, dass er ihn früher oder später mitnehmen wird – und bis dahin regelmässig «die Sonnenbrille abnimmt und dich anschaut».

Der «Dienschtverweigerer» fühlt sich zuweilen müde

Das bedeutet nun gottlob nicht, dass Hohler Trübsal blasen würde, im Gegenteil. Je nachdrücklicher der ständige Begleiter mit der Sonnenbrille auf sich aufmerksam macht, desto kostbarer wird alles, was dem Leben Leichtigkeit und leuchtende Farben gibt: der Schmetterling, der auf den Schreibtisch fliegt, an einem Buch Rast macht und taumelnd «in den Tag und den Tod» fliegt. Die frischgeborene Enkelin, die ihn auflädt mit Zuversicht und Zukunft. Die Osterglocken am Treppeneingang eines Abbruchhauses, «unerschrockene Boten der Auferstehung».

Heitere Melancholie: in Hohlers Lyrik geht das zusammen. Ohne die leichten Bitternoten, die sich bei seiner freundlichen Verkostung des Lebens über siebzig bemerkbar machen, wäre der Band wohl recht verlogen und nur halb so tröstlich. Oder ein ziemlich oberflächlicher Trost. Wo sich das aufmerksam beobachtende, mit wachen Sinnen durch den Alltag streifende Ich jedoch von Herzen freut, hat es ein junges, frühlingsfrisches Wesen – selbst wenn es beim Lesen der Aufschrift auf der Sparlampe fürs WC verstohlen nachrechnet.

Brenndauer 10000 Stunden: Wird diese Lampe länger halten als du? Oder der mitleidige Blick des Verkäufers, dem er das Mobiltelefon zur Reparatur bringt, Gespräche über Hüftgelenke, eine gewisse Müdigkeit angesichts von Aufrufen, die Wörter wie «Schluss mit», «Stop dem» oder «Nein zu» benutzen: Muss er das aushalten? All diese untrüglichen Zeichen dafür, dass er, der zornige junge Mann von einst, der Atomkraftgegner, der «Dienschtverweigerer» älter geworden ist. Älter? Nein, alt! Und weil er darüber nur staunen und sich die Augen reiben kann, setzt er ein Fragezeichen dahinter. Die Antwort mag jede Leserin und jeder Leser für sich selbst geben.

Franz Hohlers Gedichte nämlich, 56 an der Zahl, einige davon schon bühnenerprobt, sind insgesamt ein grosses, lebenssüchtiges «Ja zu», auch wenn es leise und unpathetisch gesprochen wird. Bei aller Hinfälligkeit, bei aller Rastlosigkeit, mit der die Welt sich immer schneller dreht und ihr Gesicht verändert, gibt es doch auch Konstanten, so halten diese Texte in knapper, schnörkelloser Sprache fest: Kinder, die einen Vogel zeichnen oder ein Piratenschiff. Die Frau, die es schon über vierzig Jahre lang mit ihm aushält, mit der zusammen er aber nicht erstarrt ist. Auch wenn er sich hin und wieder sterbensmüde fühlt – und in der Sprache wieder munter wird. Zwei Beispiele dafür sind die Mundartübertragungen von Shakespeares Sonett Nr. 66 und Heinrich Heines Gedicht «Die Zeit».

Das Schöne, das Überraschende nimmt Hohler ins Visier; er dankt Johann Sebastian Bachs Gattin Anna Magdalena dafür, dass sie mit ihrer schwungvollen Handschrift die sechs Cellosuiten für die Nachwelt (und den Cellisten Franz Hohler) gerettet hat. Er rettet einen Nachtfalter, der früh am Morgen «im schwarzen Mantel mit weissem Saum auf dem blauen Teppich der Badewanne sitzt». Allein die möglichen Namen sind reine Poesie.

Hohler, der zugewandte Menschenfreund

Dass er auch den verstorbenen Schuhmacher Cosimo Gaetani beim Namen nennt, ist charakteristisch für seine zugewandte Art: Hohler, der hartnäckige Weltverbesserer, mag die Menschen, auch wenn es unter ihnen nicht nur gute gibt. Sondern auch Haie und Ruchlose, zu viele «Experten», die sich nur wichtig machen. Wenn nötig, legt sich Hohler immer noch gerne mit ihnen an – zumindest mit einer lyrischen Protestnote. Doch richtig bissig klingt das nicht mehr; eher nach einer Altersweisheit, die gern noch im späten Herbst ein Apfelbäumchen pflanzt. Schon für die wunderbare Enkelin, die ihn anlächelt, unbelastet vom Gewicht der Welt.

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