GEDENKAUSSTELLUNG: Der Seher

Rolf Schönenberger war Zeichenlehrer in Frauenfeld, dann zog er nach Urnäsch und widmete sich ganz der Malerei. Der Kunstverein Frauenfeld zeigt sein eigenständiges Werk.

Dieter Langhart
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Rolf Schönenberger: Rhein gegen Diessenhofen, 60 × 81 cm, Öl auf Leinwand. (Bilder: Eduard Winiger)

Rolf Schönenberger: Rhein gegen Diessenhofen, 60 × 81 cm, Öl auf Leinwand. (Bilder: Eduard Winiger)

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

Er vermochte seine Schülerinnen und Schüler zu begeistern, lehrte sie den Blick in die Natur, brachte ihnen die Malerei, die Kunst näher. Sie mochten ihn sehr, auch wenn er eigensinnig sein, gar polarisieren konnte. Gar manche, denen er an der Kantonsschule Frauenfeld das Schauen, das Zeichnen und das Malen beigebracht hatte, kamen zur Vernissage ins Bernerhaus, einzelne brachten gar ­Kopien ihrer eigenen Bilder von damals mit. Und sie staunten, was sie sahen: die Bilder eines ganzen Lebens.

Rolf Schönenberger, 1924 in Amriswil geboren, begann ein Architekturstudium, lebte drei Jahre in Paris und bewegte sich in Künstlerkreisen. Dann wechselte er ins Lehrfach, unterrichtete in Schaffhausen und in Glarisegg, ab 1958 in Frauenfeld. Mit fünfzig zog er sich mit seiner Frau, einer Zeichenlehrerin, in ein Bauernhaus in Urnäsch zurück. Die Bilder, die da entstanden, kennt kaum jemand, doch jetzt macht sie der Kunstverein Frauenfeld in einer Gedenkausstellung zugänglich. Aber nicht nur die Appen­zeller Bilder, sie nehmen den vierten, den hintersten Raum ein. Die repräsentative Auswahl aus vielleicht fünfhundert Gemälden aus dem Nachlass umspannt Rolf Schönenbergers ganzes Lebenswerk. Lediglich auf Zeichnungen, Fotografien und die Aquarelle vom Alpstein ist verzichtet worden.

Wehmut hinter den Farben, dazwischen weisse Stellen

Die Natur war Rolf Schönen­bergers Bezugspunkt für den Dialog mit seinen Motiven. Stets malte der Künstler draussen an der Staffelei, wie es Cézanne getan hatte. Schönenberger war gern in und um Rheinklingen, er blickte von Deutschland über den Rhein nach Diessenhofen oder in die «Schwitzeren» im Tal der Urnäsch hinab, fand in Kaltenbach ein Stillleben und im eigenen Garten einen Strauss Mohn, malte einen Baum im Spätherbst oder setzte ein Schneehuhn neben ­einen Trockenstrauss. Eine heile Welt? Mitnichten: eine stille Welt voller reicher Farben. Gewiss sind die Impressionisten als Vorbilder erkennbar, gewiss sind die Wertvorstellungen eines Max Gubler und seines Kreises spürbar. Doch neben der Kraft in Rolf Schönenbergers Bildern ist auch eine leise Wehmut spürbar.

Und da sind diese weissen Stellen in manchen seiner Bilder, immer wieder. «Er konnte – ganz bewusst – weglassen», sagt Hans Bissegger vom Kunstverein Frauenfeld, «seine Bilder sind keineswegs ‹unfertig›.» Die Konzentration auf das Wesentliche, auf die Substanz. Und Esther Schönenberger-Fehr zitiert ihren verstorbenen Mann: «Ich will nur rich­tige Flecken setzen.» Nie habe Rolf Schönenberger seine Werke als fertig ansehen wollen, habe oft ein früheres Bild hervorgeholt und weitergetrieben, wenn es ihm richtig erschien. «Er wollte, dass ein Bild stets im Gleich­gewicht blieb.»

Das wollte er auch bei der Innenrenovation der Kantonsschule Anfang der Sechzigerjahre – und kämpfte dafür, dass die Farben weitgehend erhalten blieben.

«Rolf glaubte an sein Talent», sagt seine Witwe, «und er brauchte Ruhe und Konzentration dafür.» Das bedeutete auch Abschirmung, Abstand von der Aussenwelt. «Bringst du mir bitte noch einen Blumenstrauss aus dem Dorf», habe er mehr als einmal gesagt. «Die Einsamkeit des Malers ist anders als die eines Musikers.»

Esther Schönenberger-Fehr war, wie etwa die Fotografin Simone Kappeler, eine seiner Schülerinnen an der Kantonsschule Frauenfeld. «Er hat uns zu sehen gelehrt. Ihr müsst zuerst etwas sehen, bevor ihr mit einem Bild beginnen könnt.»

Rolf Schönenberger: Gedenkausstellung, Kunstverein Frauenfeld, Bankplatz 5; bis 20.8. Sa 10–12 und 14–17, So 14–17 Uhr