Gedanken, zu denen man tanzen kann

ST. GALLEN. Anfang der 90er-Jahre gab es ein Wort im Sprechen und Schreiben über Popmusik, das mochte keiner hören. Man benutzte es am besten gar nicht: Zu fordern, Popmusik solle «authentisch» sein, das war nachgerade verboten.

Marc Peschke
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ST. GALLEN. Anfang der 90er-Jahre gab es ein Wort im Sprechen und Schreiben über Popmusik, das mochte keiner hören. Man benutzte es am besten gar nicht: Zu fordern, Popmusik solle «authentisch» sein, das war nachgerade verboten. Die Hamburger Band Die Sterne sahen das ein bisschen anders und verbanden den rumpelnden Funk von Sly Stone und Parliament mit dem agitatorischen Pop-Prinzip von Ton Steine Scherben – beseelten dieses Gebräu durch eigenes Erleben, denn das wollten sie: etwas Echtes schaffen.

Mehr als das kleine Glück

In ihren besten Jahren gelang ihnen das: Sie entfernten sich von der stimmigen Sprache gängiger Popmusik, unterbrachen den Erzählfluss, nahmen – an der New School des Hip-Hop und an Funk geschult – verschiedene Erzählperspektiven ein, verweigerten gerne das Ende der Geschichte. Man konnte Mitte der 90er kaum eine Band aus Deutschland hören, die dermassen groovte, so viel Flow hatte.

Mit den Jahren veränderte sich der Sound hin zu einem noch deutlicher von elektronischer Musik, von Beats und Bass geprägten Klangbild. «Die Grenzen zwischen Laptop und Proberaum, DJ-Pult und Bühne sind es, die in diesen Tagen eingerissen werden und verschwinden», sagt Sänger und Gitarrist Frank Spilker heute. Das mag sein, dennoch macht es Spass, die Band live zu erleben, wenn sie ihre alten Lieder spielen, Sterne-Klassiker wie «Big in Berlin», «Universal Tellerwäscher» oder «Fickt das System». «Nur fürchtet sich der Witz vor der Pointe, was mach ich nur, wenn wieder keiner lacht», fragt sich Spilker im phantastischen Stück «Inseln»; wohl wissend, dass bei den Sternen fast jede Textpointe zündet und sich ihre Betrachtung der Welt vor allem nicht im Blick auf das kleine Glück erschöpft.

Das zehnte Album im Gepäck

Interessante Gedanken über die, so Spilker, «Schizophrenie des Daseins», zu denen man tanzen kann, das waren und sind immer noch der Sterne stärkste Waffe. Das macht die Band in Deutsch-Pop-Zeiten von Philipp Poisel, Tim Bendzko & Co., in Zeiten sentimentaler Privatisierung so angenehm anders.

Im Palace und im Kulturladen werden Die Sterne ihr inzwischen zehntes Album «Flucht in die Flucht» vorstellen. Eines der besten Stücke ist «Ihr wollt mich töten», das Spilker mit Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten singt. Dieser wird wohl nicht dabei sein. Aber im Palace-Vorprogramm gibt sich das «Pizza-Wave-Duo» Snøffeltøffs die Ehre. Pizza-Wave! Ein Genre, das zu entdecken man viel zu lange warten musste.

Sa, 25.4. 21 Uhr, Palace St. Gallen; Mo 27.4., 21 Uhr, Kulturladen Konstanz