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Gebucht-Rubrik mit Autor Jonas Lüscher: «Ich möchte meine Figuren nicht treffen»

Seine Romanhelden sind Jonas Lüscher unsympathisch. Gerne würde er Dürrenmatt einladen, wenn er Wein mitbrächte.

Ressort Leben & Wissen und Kultur
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Jonas Lüscher, 46, ist Schriftsteller und Essayist. Mit seinem letzten Roman «Kraft» gewann er den Schweizer Buchpreis. Er lebt in München.

Jonas Lüscher, 46, ist Schriftsteller und Essayist. Mit seinem letzten Roman «Kraft» gewann er den Schweizer Buchpreis. Er lebt in München. 

Bild: TAGBLATT/Benjamin Manser

Welche Bücher liegen auf ihrem Nachttisch?

«Bis bald» von Markus Werner. Ich lese gerade wieder sein Gesamtwerk, weil ich im Februar an der Bayerischen Akademie der Schönen Künste einen Abend lang aus Werners Werk vorlese. Ich bin der Meinung, man muss diesen Autor wieder etwas aus der Vergessenheit hervorholen, in die er nach seinem Tod vor vier Jahren viel zu schnell geraten ist.

Wie viele Bücher haben Sie in Ihrer Wohnung?

Ich habe sie nie gezählt. Wir sind aber letztes Jahr in eine kleinere Wohnung gezogen und ich war gezwungen auszusortieren. Ich dachte, es würde schmerzhafter sein, als es dann tatsächlich war.

Wie lesen Sie?

Ausschliesslich gedruckt.

Welches Buch hat Ihr Leben verändert?

Es ist wohl eher die Summe aller Bücher, die ich gelesen habe, die mein Leben verändert haben und stetig verändern. Es ist sehr viel, von einem Buch zu erwarten, dass es im Alleingang ein Leben verändert und es vielleicht auch gar keine so gute Idee, einem einzelnen Buch so viel Macht über einem zu gestatten. Natürlich gibt es aber so etwas wie Lebensbücher, die einem tief geprägt haben. Richard Rortys «Kontingenz, Ironie und Solidarität» ist für mich so ein Buch – es ist mir eine Art intellektuelles Zuhause.

Welches Buch empfehlen Sie unseren Lesern?

Thomas Piketty’s neues Buch «Kapital und Ideologie» erscheint bald auf Deutsch. Piketty liefert nicht nur eine durch und durch fundierte, auf Geschichte und Daten gestützte, aber auch theoriegesättigte Analyse unserer Gegenwart, sondern traut sich auch Vorschläge für die zukünftige Entwicklung zu machen.

Wie stossen Sie auf neue Bücher?

Ich treffe auf Lesereisen und Literaturfestivals sehr vielen Kolleginnen und Kollegen und ich bemühe mich eigentlich, deren Bücher möglichst gelesen zu haben, bevor wir uns begegnen. Dann sind für mich die Feuilletons auch immer wieder eine Quelle für Entdeckungen. Auf die meisten Bücher stosse ich aber bei der Recherche für meine eigenen Schreibprojekte.

Welchen Buchtitel würden Sie über Ihre Autobiografie setzen?

Das ist leicht zu beantworten, weil ich fast täglich darüber nachdenke: «Jonas Lüscher. Sein Leben in zehn Haikus». Verfasst von Jürg Halter, mit 10 farbigen Illustrationen von Cy Twombly.

Welche drei Autoren möchten Sie zu einem Nachtessen gemeinsam einladen?

Alexander Dumas der Ältere, Friedrich Dürrenmatt und Tschechow. Dürrenmatt bringt den Wein mit. Das wird ein grosses Fressen und ein sehr lustiger Abend.

In welche Romanfigur haben Sie sich verliebt?

In Philipp Djians Betty Blue und das lag an meiner romantischen Verfassung und meinem Hormonspiegel als Sechzehnjähriger. Und vermutlich auch am Foto von Béatrice Dalle auf dem Umschlag.

Welcher Romanfigur möchten Sie auf keinen Fall in Ihrem Leben begegnen?

Meinen eigenen. Zum einen sind sie nicht besonders sympathisch, zum anderen fürchte ich, sie würden mir vielleicht Vorhaltungen machen.

Bei welchem Roman haben Sie am meisten gelacht?

Sven Regeners Herr Lehmann hab ich auf einer Zugfahrt von Bern nach Köln gelesen und zur Irritation meiner Mitreisenden ständig vor mich hin gekichert.

Welchen Roman haben Sie in Ihrem Leben zu früh gelesen?

Ich glaube nicht, dass man Romane zu früh lesen kann. Man liest sie halt anders. Krieg und Frieden hab ich als Vierzehnjähriger als Abenteuer- und Gesellschaftsroman gelesen.

Hinweis

In der Rubrik «Gebucht» erzählen Prominente von ihren Lesegewohnheiten.