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«Gebucht» mit Wanderpapst Thomas Widmer: «Seit ich digital lese, kaufe ich doppelt so viele Bücher»

Diese Woche erklärt Autor Thomas Widmer, weshalb er gerne den Schweizer Stephen King liest. Und wieso sein Leben posthum von Peach Weber erzählt werden soll.

Ressort Leben & Wissen und Kultur
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Journalist Thomas Widmer, 58, gilt als «Schweizer Wanderpapst». Er publizierte sechs Bücher, zuletzt «Hundertundein Stein» (Echtzeit Verlag).

Journalist Thomas Widmer, 58, gilt als «Schweizer Wanderpapst». Er publizierte sechs Bücher, zuletzt «Hundertundein Stein» (Echtzeit Verlag).

Bild: zvg

Welche Bücher liegen auf Ihrem Nachttisch?

Thomas Widmer: Momentan liebe ich für die Stunden nach Sonnenuntergang die «Orphan X»-Thriller mit Held Evan Smoak des amerikanischen Autors Gregg Hurwitz. Ich mag daran das Comichafte, Überspitzte, Grelle und Krasse. Evan Smoak wächst im Waisenhaus auf und wird von einer geheimen Regierungsagentur zum Profikiller ausgebildet. Später versucht er, seine Untaten wieder gutzumachen, indem er Menschen jagt, die viel böser sind als er. Noch etwas ganz Intimes: Ein Nachttischli gibt es in meinem Schlafzimmer nicht.

Wie viele Bücher haben Sie in Ihrer Wohnung?

Ich habe fast alles verschenkt, weil ich nicht davon ausgehe, dass ich zwei Mal dasselbe Buch lese. Das Leben ist dafür zu kurz. Ich behalte bloss Nachschlagewerke und dergleichen. In meiner Wohnung stehen an die hundert Bücher. Jedes dieser Bücher liebe ich innig und nehme es oft und gern zur Hand.

Wie lesen Sie?

Ich bin ein E-Leser. Der Kindle-Reader hat die optimale Beleuchtung für meine armen Augen. Und will ich ein Buch erwerben, ist es innert 30 Sekunden bei mir. Seit ich digital lese, kaufe ich doppelt so viele Bücher wie früher. Aus dem ersten Impuls heraus kann ich bestellen, auch wenn der gute Buchhändler schon längst vor dem Fernseher bei einem Bier die Füsse hochlagert und entschlummert.

Welches Buch hat Ihr Leben verändert?

Karl Mays Orient-Romane. Sie brachten mir in der Pubertät jene Weltgegend so nahe, dass ich später als Erwachsener Arabisch, Persisch und Islamwissenschaft studierte.

Welches aktuelle Buch empfehlen Sie unseren Leserinnen und Lesern? Und warum?

Aktualität wird überschätzt. Lesen Sie bewährte alte Bücher! Zum Beispiel «Goldener Ring über Uri» vom Urner Dorfarzt Eduard Renner aus dem Jahr 1941, ein volkskundliches Sachbuch, das die magischen Vorstellungen der Urner dokumentiert. Gruselig, wie die Urschweizer damals glaubten, dass in ihren Bergen eine Kraft umgeht. Das Es. Frevelt man, muss man damit rechnen, dass einem das Es die Haut abzieht und sie an eine Alphütte nagelt. Wozu brauchen wir Stephen King, wenn wir Eduard Renner haben?

Wie stossen Sie auf neue Bücher?

Meist ist die Zeitung schuld. Eben regte mich ein Interview mit der einstigen US-Aussenministerin Madeleine Albright an, ihre Memoiren «Hell And Other Destinations» zu kaufen. Die lese ich auf Englisch, weil Albright eine Formuliervirtuosin ist. Jeder Satz sitzt. Da will ich keinen Übersetzer dazwischengeschaltet.

Welchen Buchtitel würden Sie über Ihre Autobiografie setzen?

«Nur der Schreibtisch hörte mein Seufzen.» Als Autor sähe ich Peach Weber. Oder Lukas Bärfuss. Der eine käme von der humoristischen Seite, der andere hat dieses unnachahmlich Intellektuell-Grämliche, das auch seinen Reiz hat. Derzeit tendiere ich zu Peach Weber, weil ich glaube, dass die Zusammenarbeit mit ihm lustig wäre.

In welche Romanfigur haben Sie sich verliebt?

In Winnetous Schwester Nscho-tschi. Während ich die Winnetou-Filme sah. Diese Zypressenfigur! Diese Lederfranselibluse! Diese Zöpfchen!

Gibt es ein Jugendbuch, das Sie auch als Erwachsener nochmals gelesen haben? Mit welchem Ergebnis?

Heinz G. Konsaliks «Heiss wie der Steppenwind». Als ich als Erwachsener wieder hineinlas, berührten mich die dampfenden Sexszenen peinlich. Ich realisierte, dass das gar kein Jugendbuch ist. Es lag jedenfalls zu Hause herum.

Welcher Klassiker hat Sie am meisten gelangweilt?

Max Frischs «Mein Name sei Gantenbein». Was für eine langfädige Prosa ist das denn? Sowieso denke ich, dass der tote Frisch schlecht altert. Speziell seine längeren Schriften.

Interessiert Sie die Biografie eines Autors, wenn Sie dessen Bücher lesen?

Es ist eine schlechte Idee, den Autor und dessen Biografie kennen lernen zu wollen. Meist handelt es sich um eine verknorzte Gestalt. Um einen verschmuddelten Dreiviertelalkoholiker oder einen verkniffenen Ich-komme-immer-zu-kurz-Jammeri. Glückliche Menschen schreiben in der Regel keine guten Romane. Das Buch und ich, das ist eine Liebesbeziehung. Der Autor oder die Autorin stört da nur.

Hinweis

In der Rubrik «Gebucht» erzählen Prominente von ihren Lesegewohnheiten.

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