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Die Kunsthalle St.Gallen ist auch ein Opernhaus

In Form einer minimalistischen Installation wird das Libretto einer Oper inszeniert, nicht nur in Form von Texten, sondern auch in gepfiffener Sprache. Entworfen wird eine düstere Welt in einer möglichen Zukunft ohne menschliche Kommunikation.
Christina Genova
Die Vitrine der Stiftsbibliothek St. Gallen hat einen Ausflug in die Kunsthalle gemacht. (Bild: Gunnar Meier)

Die Vitrine der Stiftsbibliothek St. Gallen hat einen Ausflug in die Kunsthalle gemacht. (Bild: Gunnar Meier)

Der Eingang zum Ausstellungsraum ist versperrt. Hinein gelangt man durch den Hintereingang, indem man mitten durch das Büro der Kunsthalle St. Gallen läuft. Ungewöhnlich geht es weiter, denn in der Ausstellung wird das Libretto der Oper «Redundant as eyelids in absence of light» inszeniert (Überflüssig wie die Augenlider in Abwesenheit von Licht).

In den Ausstellungsräumen muss man ohne Kunstlicht auskommen – eine minimale Intervention mit maximaler Wirkung. Sie stimmt den Besucher von Beginn an ein auf die düstere Welt des Librettos. Auf Glasscheiben, die an die Wände gelehnt sind, und auf den Fenstern liest man die Notationen und Texte. Das ist alles andere als einfach: Die silberne Schrift reflektiert das Licht und lässt sich nur entziffern, wenn man während des Lesens in Bewegung bleibt. Ausserdem sind die Texte in englischer Sprache verfasst. Eine Übersetzung ist leider nicht vorhanden. Schade, denn was da steht, zieht einen in den Bann. Man müsse sich halt Zeit nehmen wie in einer richtigen Oper, meint «Studio for propositional cinema», das hinter dem Projekt steckt. Es wurde 2013 an der Kunstakademie Düsseldorf gegründet. Der Künstler möchte nicht namentlich erwähnt werden: «Meine eigene Biografie tut nichts zur Sache.»

Die silberne Schrift auf Glas lässt sich schlecht lesen. (Bild: Gunnar Meier)

Die silberne Schrift auf Glas lässt sich schlecht lesen. (Bild: Gunnar Meier)

Entwurf einer absoluten Diktatur

Ein Manifest bildet den Auftakt des Librettos. Eine Welt im dauerhaften Kriegszustand wird heraufbeschworen, in der die Verständigung zwischen den Menschen gescheitert ist. Die Verfasser ziehen aus ihrer Analyse perverse Konsequenzen: «Babel muss ein permanenter Zustand werden», schreiben sie. Und weiter: «Wir müssen jegliche Form von Kommunikation ablegen, um uns selbst zu werden.» Auf das Manifest folgen die Gesetze zu dessen Umsetzung. Textilien, Bilder, Musik, Tanz und Bewegung werden ebenso verboten wie jede Form von Kommunikation sowie der Verschriftlichung und Speicherung von ­Inhalten. Bei Zuwiderhandlung drohen an das «Verbrechen» angepasste, martialische Strafen: So wird die Herstellung von Bildern mit Blendung bestraft, die Herstellung von Textilien mit der Amputation von Fingern und ­Zehen. Die Höchststrafe blüht ­jenen, die Informationen verbreiten: Man wird in sechzehn Teile zerstückelt und in der Landschaft verstreut.

Die Vitrine der Stiftsbibliothek ist mit den konfiszierten Objekten beschriftet (Bild: Gunnar Meier)

Die Vitrine der Stiftsbibliothek ist mit den konfiszierten Objekten beschriftet (Bild: Gunnar Meier)

Auf einer Vitrine der Stiftsbibliothek St. Gallen, mit welcher ein stimmiger Lokalbezug hergestellt wird, sind konfiszierte Objekte aufgelistet. Der Archivar, einer der Protagonisten der Oper, muss sie sammeln, beschreiben und unbrauchbar machen. Die Namen der verbotenen Dinge sind in Vergessenheit geraten. Der pervertierte Archivar bemüht sich deshalb, sie anhand umständlicher Beschreibungen zu erfassen: So ist eine weisse Oberfläche zum Festhalten von Informationen seine Definition für ein Blatt Papier.

Hoffnung in dieser Hölle auf Erden geht von sechs Dissidenten aus. Sie versuchen, die verbotenen Dinge wieder zu erlernen. Jedem von Ihnen ist ein Lied gewidmet. Der Lumpensammler fängt jede noch so kleine Fluse ein, um sie zu verweben. Der Tänzer spürt eine so unscheinbare Bewegung wie das Reiben der Grashalme zwischen den Zehen auf. Die Vision einer allumfassenden Diktatur, die im Libretto entworfen wird, sei nur scheinbar übertrieben, sagt «Studio for propositional cinema». Sie könne sehr schnell Wirklichkeit werden. Weltweit seien Pressefreiheit, Bewegungsfreiheit und Redefreiheit am Erodieren.

Pfeifen statt sprechen

Die feinen Pfeiftöne, die während des Gangs durch die Ausstellung zu hören waren, verstärken sich im letzten Raum – noch ein Zeichen der Hoffnung. Sie gehen von einer weiteren Vitrine der Stiftsbibliothek aus. Die Quelle dieser eigentümlichen Klänge befindet sich unter der Abdeckung aus Filz. Es handelt es sich um die uralte, vom Vergessen bedrohte Pfeifsprache Sfyria aus Griechenland. Das Libretto wurde vom Englischen ins Griechische übersetzt und von Panagiotis Tzanavaris gepfiffen. Die transkribierte Version spielte der Komponist Hampus Lindwall im Juni in Basel auf der Orgel. Gut möglich, dass das Stück im Herbst auch in der St. Galler St.-Laurenzen-Kirche zu hören sein wird.

Hinweis

Bis 16.9. Zur Ausstellung erscheint im Herbst eine Publikation.

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