Geballte Ladung Engagement

Eine Moschee in einer Kirche, wandernde Bäume und klagende Koffer: Die Vielfalt ist gross an der Biennale in Venedig. Insgesamt gibt es an der von Okwui Enwezor kuratierten Ausstellung zu viel politische Kunst und zu wenig Poesie.

Christina Genova
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Der Rheintaler Christoph Büchel macht eine Kirche zur Moschee. (Bild: Christina Genova)

Der Rheintaler Christoph Büchel macht eine Kirche zur Moschee. (Bild: Christina Genova)

Man ahnte, dass einer wie Christoph Büchel nicht ohne Grund ein Geheimnis um sein Biennale-Projekt macht. Denn der Rheintaler Künstler, der seit sieben Jahren in Island lebt, ist immer für eine Überraschung gut. Im Wasserturm bei der St. Galler Lokremise hat der 49-Jährige die schön-schaurige Installation «The House of Friction» eingerichtet und auch schon mal ein Kunstmuseum in einen Swingerclub verwandelt. Nun vertritt Büchel seine neue isländische Heimat in Venedig, wo heute die weltweit wichtigste Kunst-Biennale offiziell eröffnet.

Temporärer Gebetsort

Bis kurz vor Einweihung des Island-Pavillons hielt Christoph Büchel dicht. Verraten wurde nur der Titel des Projekts – «The mosque» – und, dass Venedigs moslemische Gemeinde involviert sei. Auch der Ort, Santa Maria della Misericordia, eine verlassene Kirche, wurde erst kurzfristig bekanntgegeben. Als sich dort gestern für das buntgemischte Publikum – verschleierte Frauen, Männer mit Gebetskäppchen, Presseleute und die Kunstschickeria – pünktlich um elf die Türen öffnen, wird klar: Das hier ist keine Kirche mehr, sondern eine Moschee.

Im Gebetsraum herrscht eine feierliche Atmosphäre; wer den weichen Teppichboden betreten will, muss die Schuhe ausziehen. Die Spuren der Zeit wurden nicht getilgt, sondern vereinen sich harmonisch mit der neuen Einrichtung, zu der Gebetsnische, Kanzel, ein prächtiger Leuchter und ein Bereich für die rituellen Waschungen gehören. Die Moschee ist vorerst nur für die Zeit der Biennale eingerichtet, doch weil der moslemischen Gemeinschaft von Venedig, die zwischen 15 000 und 20 000 Gläubige zählt, bis anhin ein würdiger Gebetsort fehlte, hofft man auf eine Folgelösung.

Allzu verkopft

Büchels Moschee wird einige Leute vor den Kopf stossen, ja provozieren, das ist absehbar. Doch dass Kirchen zu Moscheen werden und umgekehrt, ist historisch gesehen nichts Neues. Der Künstler setzt mit seinem Projekt das Motto der Biennale «All the World's Futures» – alle Zukunft der Welt – eindrücklich um. Denn das angespannte Verhältnis zwischen Christentum und Islam ist eine Hypothek für eine friedliche Zukunft.

Biennale-Direktor Okwui Enwezor hat Werke ausgewählt oder in Auftrag gegeben, die sich mit den drängenden Problemen unserer Zeit auseinandersetzen. 136 Künstler aus allen Weltregionen sind in der Hauptausstellung dabei, darunter als einziger Schweizer Thomas Hirschhorn, der mit seiner Arbeit «Roof Off» scheinbar das Dach des Biennale-Pavillons einreisst. Das Herz der Ausstellung besteht aus einer neuerstellten Arena, wo jeden Tag aus «Das Kapital» von Karl Marx vorgelesen wird. «Das Kapital ist das grosse Drama unserer Zeit», lässt sich Enwezor zitieren. Dass gute Kunst immer auch einen politischen Subtext hat, ist eine Binsenwahrheit. Doch politisches Engagement an sich ist noch kein Qualitätsmerkmal von Kunst. Letzteres scheint Enwezor beim Kuratieren etwas aus den Augen verloren zu haben. Das Resultat ist eine allzu verkopfte Ausstellung, der es an Poesie und Sinnlichkeit mangelt. Man wird der geballten Ladung an Engagement rasch überdrüssig, denn es gibt kaum eine Krise oder ein unbewältigtes Problem der heutigen Zeit oder der vergangenen Jahrzehnte, das nicht in der Ausstellung vertreten wäre: Aids, der Krieg in Syrien, Neoliberalismus, Putins Russland, die Nachwehen der Kolonialzeit, Sexismus oder Rassismus.

Eindringlich und beglückend

Doch es gibt sie auch an dieser Biennale, die seltenen Perlen, die betroffen machen, aber gleichwohl beglücken. Drei davon seien hier stellvertretend herausgegriffen: Fabio Mauri, 2009 verstorbener Künstler der Arte Povera, ist einer, dessen Arbeiten Enwezor verdientermassen prominent im Eingangsbereich des Hauptpavillons plaziert hat. Grossartig ist seine Arbeit «Il Muro Occidentale o del Pianto» – Klagemauer. Mauris Mauer besteht aus alten Koffern, die an die aufgetürmten Habseligkeiten von KZ-Häftlingen erinnern oder ganz allgemein an Reisen ohne Rückkehr. Der erschütternde Dokumentarfilm «Factory Complex» des Südkoreaners Im Heung-soon hingegen porträtiert Arbeiterinnen aus Südkorea und Kambodscha, die sich mutig gegen ihre ausbeuterischen Arbeitsbedingungen wehren.

Die Fotoserie «Let us now Praise Famous Men» des Amerikaners Walker Evans schliesslich, die 1936 entstanden ist und die bittere Armut der Bauernfamilien in Alabama festhält, hat bis heute nichts von ihrer Eindringlichkeit eingebüsst.

Erden aus aller Welt

Unter den 89 Länderpavillons sind zwei, die sich mit der subversiven Kraft der Natur auseinandersetzen, besonders zu erwähnen. Herman de Vries zeigt im holländischen Pavillon unter anderem 84 gerahmte Abriebe von Erden aus aller Welt, deren Farbspektrum staunen lässt. Von zauberhafter Poesie sind hingegen die wandernden Bäume von Céleste Boursier-Mougenot im französischen Pavillon. Nur wer im Trubel der Biennale innehält, bemerkt ihre Bewegung.

Bis 22. 11., www.labiennale.org

Sarah Lucas entlarvt im britischen Pavillon die sexualisierte Gesellschaft mit provozierenden Skulpturen. (Bild: ap/Domenico Stinellis)

Sarah Lucas entlarvt im britischen Pavillon die sexualisierte Gesellschaft mit provozierenden Skulpturen. (Bild: ap/Domenico Stinellis)

Fabio Mauris Klagemauer aus Koffern. (Bild: epa/Maciej Kulczynski)

Fabio Mauris Klagemauer aus Koffern. (Bild: epa/Maciej Kulczynski)

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