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Gastspiel in der Kellerbühne St.Gallen: Instanttherapie gegen Burn-out

Das Theaterstück «Alles geben» nähert sich dem Thema Burn-out auf witzige, überzeichnete Weise: Die Komödie spielt lustvoll mit Klischees. Im Anschluss an die Vorstellungen in der Kellerbühne St.Gallen stellen sich Experten den Fragen des Publikums.
Mirjam Bächtold
Linda (Carina Wiese) und Ehemann Marcel (Sebastian Krähenbühl) kümmern sich um Coach Leo (Beat Marti). (Bild: PD)

Linda (Carina Wiese) und Ehemann Marcel (Sebastian Krähenbühl) kümmern sich um Coach Leo (Beat Marti). (Bild: PD)

Ein handyabstinentes Wochenende hat Marcel seiner Frau versprochen. Ohne «push-push», «ding-ding» oder «frrr-frrr». Die beiden wollen in ein Achtsamkeitsseminar fahren. Doch kaum steht Linda unter der Dusche, stürzt er sich auf sein Mobiltelefon, als sein Chef anruft. «Ich bin gleich bei dir, sitze schon im Taxi», sagt er, während er in ­Boxershorts und T-Shirt durch die Wohnung stolpert und seinen Anzug sucht. Marcel schwitzt, er atmet schwer, fasst sich immer wieder an den Kragen des mittlerweile zugeknöpften Hemdes.

Als Linda zurück ins Wohnzimmer kommt, sitzt ihr Mann teilnahmslos halb angekleidet auf dem Fussboden, starrt ins Leere und reagiert nicht. In diese Situation kommt Coach Leo, der von Marcels Firma angestellt ist und sich darum kümmern soll, dass dieser an ein wichtiges Meeting in Amsterdam fliegt. Leo ist überenthusiastisch und entschlossen, Marcel wieder auf die Beine zu bringen. Er hüpft auf und ab, lässt entspannendes Wasserplätschern abspielen und wischt negative Energie mit einem lauten «Schsch» von den Schultern der beiden «Patienten».

Karikiertes Speedcoaching

Die Szenen, in der Leo Marcel therapiert, sind verdichtet dargestellt. Die Autoren Sören Senn und Theo Plakoudakis spielen ­bewusst mit Klischees, wie etwa dem Vater, der Marcel immer sagte, er könne nichts, und dem Marcel nun etwas beweisen will. In einer Übung soll Marcel seine Angst in einen Stein drücken und diesen in einen imaginären See schmeissen. Die karikierte Therapie bringt das Publikum zum Lachen.

Die Probleme der Figuren sind nicht subtil angedeutet, sondern offensichtlich zur Schau gestellt und überzeichnet. Autor und Regisseur Sören Senn hat sich für eine Komödie, nicht fürs Drama entschieden. Das Stück, uraufgeführt 2017 an der Kli­bühni Chur, entstand aus seinem Dokfilm «Weg vom Fenster», in dem Senn erzählt, wie ein Manager nach dem Burn-out zurück in den Alltag findet. Bei der Recherche hat Senn mit vielen Betroffenen gesprochen, deren Schicksale in das Theaterstück einflossen.

2017 wurde «Alles geben» von Autor und Regisseur Sönen Senn an der Klibühni Chur uraufgeführt. (Bild: pd)

2017 wurde «Alles geben» von Autor und Regisseur Sönen Senn an der Klibühni Chur uraufgeführt. (Bild: pd)

Authentisch spielt Sebastian Krähenbühl den gestressten Workaholic Marcel; Carina Wiese brilliert als Linda, die sich von ihrem Mann vernachlässigt fühlt. Beat Marti überzeugt als Coach, der ebenfalls unter enormem Druck steht und selbst droht, in ein Burn-out zu schlittern.

Wenn Bestätigung nur aus der Arbeit gezogen wird

Im Anschluss an die Vorstellungen in der Kellerbühne geben Fachärzte Auskunft. Thomas Maier, Chefarzt Psychiatrie St. Gallen Nord, ordnete am Mittwochabend das Stück aus professioneller Sicht ein. Er habe viele Elemente aus seinem Berufsalltag auf der Bühne wiedererkannt, auch wenn die «Küchentischpsychologie übertrieben dargestellt war».

Er schilderte, wer eher gefährdet ist, ein Burn-out zu erleiden: Menschen, die narzisstisch veranlagt sind und im Beruf eine Bestätigung erhalten, oder solche, die sich bestätigt fühlen, wenn sie gebraucht werden, unentbehrlich sind und deswegen alle Arbeiten an sich nehmen. In der Therapie zeige man den Betroffenen die Verhaltensmuster auf, die sie veranlassen, unbewusst solche Berufssituationen zu wählen. Schade, dass die Diskussion nach 20 Minuten abgebrochen wurde: Die Schauspieler mussten zum Zug.

«Alles geben»: 15./16.3.2019, 20 Uhr, Kellerbühne St.Gallen

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