Ganz schön übel unterwegs

Bald geht das grosse Reisen wieder los. Und dann: Endlich auf der Fähre, ist die Übelkeit stärker als die Lust, auf die Ferien anzustossen. Wie Reisekrankheit entsteht und was sich dagegen unternehmen lässt.

Diana Bula
Merken
Drucken
Teilen
An die frische Luft und den Horizont fixieren: Das soll helfen, auf See nicht reisekrank zu werden. (Bild: fotolia)

An die frische Luft und den Horizont fixieren: Das soll helfen, auf See nicht reisekrank zu werden. (Bild: fotolia)

Die Wolken sind schuld. Sie verhüllen den Vulkan. Ob sie sich verziehen und den Blick auf die Lava noch freigeben werden? Hoffen und ausharren, auf dem Schiff, das im Wasser vor den liparischen Inseln schaukelt. Hin und her und hin und her. Das ist zu viel Seegang für den Geographielehrer, der die Klasse begleitet: Er beugt sich über die Reling und übergibt sich. Kreidebleich ist der Mann im Gesicht, er schwitzt, stöhnt, atmet schnell.

Das war vor fünfzehn Jahren. Doch schon während des Zweiten Punischen Krieges (218–201 v. Chr.) musste Feldherr Scipio Africanus eine Schlacht verschieben, weil seine seekranken Soldaten nicht kämpfen konnten. Und auch der römische Philosoph Seneca (1–65 n. Chr.) litt: Er soll auf einer Reise von Neapel nach Puteoli vom Schiff gesprungen sein, um schneller an Land zu kommen. Die Reisekrankheit ist ein altes Leiden.

Ein «schreckliches» Gefühl

Wie verbreitet es heute ist, zeigen zwei Studien. Für eine unternahmen 20 000 Menschen eine Schiffsfahrt. Sieben Prozent der Probanden mussten sich übergeben, 21 Prozent fühlten sich «nicht wohl», vier Prozent «krank», weitere vier Prozent «schrecklich». Für eine zweite Untersuchung reisten 920 Personen im Flieger. 0,5 Prozent der Teilnehmer erbrachen, 8,4 Prozent wurde es schlecht, 16,2 Prozent fühlten sich krank. Eine Schiffsreise bekommt dem Menschen folglich weniger als ein Flug.

Kursierten einst Theorien, wonach übermässige Gallenabsonderungen oder eine veränderte Blutzufuhr des Gehirns die Reisekrankheit verursachen sollen, so ist nun klar: eine Verwirrung des Gleichgewichtsorgans führt die Kinetose, wie das Leiden im Fachjargon heisst, herbei. «Die Bogengänge im Innenohr nehmen die Lage wahr. Ob man steht, wie man steht, ob man liegt», sagt Eva Lemmenmeier von der Reisemedizin am Kantonsspital St. Gallen. Auch die Augen und Füsse liefern diesbezüglich Informationen. Das Hirn fügt die Botschaften, die auf den verschiedenen Kanälen eingehen, dann zusammen. «Auf dem Schiff, im Bus, Zug oder Auto nehmen die Füsse festen Untergrund, die Augen aber Bewegung wahr. Diese gegensätzlichen Eindrücke verwirren das Gehirn», sagt Lemmenmeier.

Der Körper reagiert auf die Differenzen. Er schüttet Stresshormone aus, auch Histamin. Gelangt davon zu viel in den Blutkreislauf, wird einem übel. Kinder, Schwangere und Migränepatienten seien anfälliger auf Reisekrankheit als andere, sagt Lemmenmeier. «Und Frauen leiden häufiger darunter als Männer. Weshalb, ist nicht genau erforscht.»

Eine Brille mit Horizont

Mit Kaugummi, Pflastern und Tabletten lässt sich gegen Reisekrankheit ankämpfen. Dass sie helfen, ist nicht garantiert. Ausserdem kommen Nebenwirkungen hinzu: Die Mittel enthalten oft Antihistamine, die müde machen. Vielleicht verschläft der Erkrankte zwar den prächtigen Sonnenuntergang auf der Überfahrt zur Insel, er leidet dafür weniger. «Sich hinzulegen und die Augen zu schliessen, kann helfen», sagt Lemmenmeier und begründet: «Weil einer der Kanäle, die Augen, ausgeschaltet wird. So werden weniger störende Sinneseindrücke registriert.»

Wem es nicht ums Schlafen ist, schnappt draussen frische Luft und fixiert den Horizont (statt der hohen Wellen). Blicken die Reisenden auf einen fixen Punkt in der Ferne, so deckt sich das eher mit dem, was die Füsse erfahren. Das Ergebnis: kein Datensalat, keine Übelkeit. Ein Tip, den Seeleute schon lange weitergeben. Unterdessen braucht man dafür nicht einmal mehr an Deck zu gehen: Ein französischer Hersteller hat eine Brille erfunden, die den Horizont imitiert.

Kein Thunfisch, aber Ingwer

Wer nicht auf Medikamente und Horizont vertrauen will, hat andere Möglichkeiten. Er lässt sich dort nieder, wo das Auf und Ab am geringsten ist: im Bus nicht über der Achse, dafür auf einem Platz mit freier Sicht durch die Frontscheibe, im Schiff und Flugzeug in der Mitte, im Neigezug am Gang statt am Fenster. Einige Fachleute raten zudem, ausgeruht und relaxt auf Reisen zu gehen, histaminhaltige Lebensmittel wie Thun oder Salami zu meiden. Und Ärztin Eva Lemmenmeier empfiehlt: Ingwer. «Er kann Übelkeit lindern. Ein Stück davon in den Mund nehmen und kauen.» Auch mit Akupunktur könne man es versuchen. Dazu auf der Innenseite des Handgelenks zwei Finger breit oberhalb der Stelle, wo der Puls zu spüren ist, drücken. Eine Minute lang – und die Zeit nutzen, um schon einmal von den paradiesischen Zuständen zu träumen, die einen am Ziel erwarten.