Ganz der Musik hingegeben

Mit Tschaikowskys Violinkonzert kehrt die Georgierin Lisa Batiashvili heute nach Zürich zurück. Letztes Jahr haben wir sie getroffen und über das Muttersein, die Politik und die Musik gesprochen.

Rolf App
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Sie harmonieren gut: Lisa Batiashvili und das Tonhalle-Orchester Zürich. (Bild: Priska Ketterer)

Sie harmonieren gut: Lisa Batiashvili und das Tonhalle-Orchester Zürich. (Bild: Priska Ketterer)

Ungefähr in der fünften Reihe trennt ein grosses Tuch den hinteren vom vorderen Teil der Zürcher Tonhalle, so dass ich auf der gegenüberliegenden Galerie nur diesen Mann und zwei Kinder sehe. Ob es ihr Mann ist, und ihre Kinder? Aber nein, jetzt tauchen noch drei kleine Köpfe auf. Sie hat es auch gesehen, wie sie mir später erzählen wird. Und in der Tat: Ihr Mann und ihr Sohn sind auf dem Weg. Aber sie sind noch nicht da.

Ernst steht sie da und in sich gekehrt

Lisa Batiashvili hat jetzt anderes im Kopf. Sie steht unten, umgeben vom Tonhalle-Orchester, und probt an diesem Tag Ende Oktober des letzten Jahres jenes Violinkonzert von Jean Sibelius, das sie seit vielen Jahren begleitet und das sie auch auf CD eingespielt hat – zusammen mit dem für sie komponierten Konzert des finnischen Komponisten Magnus Lindberg. An ihrer Seite der Dirigent Lionel Bringuier, der auch bei ihrem heutigen Auftritt am selben Ort assistiert – diesmal mit Tschaikowskys Violinkonzert (siehe Kasten).

Dunkel und voll klingt ihre Guarneri del Gesù von 1739, klar und entschieden entwickeln sich im ersten Satz die Linien aus den flirrenden Streichern heraus. Ungemein schön setzt der zweite Satz in den Holzbläsern ein, tief und innig beginnt die Geige und verliert diesen Grundton nie mehr. Ernst steht Lisa Batiashvili da und in sich gekehrt, ganz der Musik hingegeben.

Dann hat sie Zeit für ein Gespräch. Sie erzählt von ihrer Herkunft. Dass sie 1979 als Tochter eines Geigers und einer Pianistin in Georgien geboren wurde. Dass die Familie 1991 nach Deutschland zog und sie zunächst in Hamburg, dann in München bei Ana Chumachenco studierte.

Dort hat sie auch ihren Mann kennen gelernt, den Oboisten François Leleux. Und immer noch gibt es Bindungen nach Georgien, dieses kleine, hochmusikalische, vom russischen Bären bedrohte Land. Lisa Batiashvili hat auf dem Maidan in Kiew gespielt. Und sie hat in Rotterdam in einem vom Putin-Freund Valery Gergiev dirigierten Konzert als Zugabe ein «Requiem for Ukraine» gespielt. Ob sie danach mit ihm über Politik diskutiert hat? «Das war nicht mehr nötig», sagt sie. «Die Zugabe war Kommentar genug.»

Lisa Batiashvili versteht sich nicht als Politikerin. «Ich bin Künstlerin», sagt sie. Aber ein politisch wacher Mensch ist sie – gerade wegen ihrer Bewunderung für ihre neue Heimat doch ein durch und durch politischer Mensch, wenn sie erklärt, dass sie dieses in Deutschland verbreitete Verständnis für russisches Grossmachtverhalten nicht nachvollziehen könne. «Die Europäer sind sich der Vorzüge viel zu wenig bewusst, die sie geniessen. Ich kenne den Unterschied.»

Doch zurück zur Kunst, und zum Leben, das sie als zweifache Mutter besonders fordert. «Man muss vieles planen, mental und physisch stark sein, und nein sagen können zu vielen Angeboten», sagt Lisa Batiashvili. «Aber andererseits könnte ich mir ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen. Sie zeigen mir, wer ich bin – jenseits der Welt der Musik, in der ich auch einmal launisch und egozentrisch sein darf. Zu Hause herrschen dann wieder andere Regeln.»

Wenn der Vater Bonbons mitbringt

Mit Musik ist sie aufgewachsen. Die Mutter war immer da, «und wenn der Vater auf Reisen ging, durfte er nach Europa und brachte Bonbons mit». Und schon mit zwei oder drei Jahren hatte sie eine Weltkarte über dem Bett, auf der sie sich Europa angeschaut hat. Jetzt ist sie hier in Europa, ist jeden Tag dankbar, und hütet ihre Guarneri, deren voller Klang jeden Saal zu erfüllen vermag. Das Sibelius-Konzert begleitet sie schon an die zwanzig Jahre. «Ich habe es früh mit finnischen Musikern gespielt», sagt sie, «das war so eine Art Basis. Deshalb hat sich meine Interpretation nicht sehr verändert.»

Dennoch lebt sie als Künstlerin in dem Gefühl, dass man «immer weiterkommen muss». Ein wenig unzufrieden bleibt Lisa Batiashvili stets, ausserdem muss sich ihr Spiel an die Veränderungen des Menschen über die Jahre anpassen. «Mein Leben als Musikerin bedeutet, dass ich immer an mir arbeiten muss. Wir alle haben unsere Krisen und unsere Fragen, und so wird es niemals einfach sein.»