Gambrinus zieht die Notbremse

Kein Jazz mehr in der St. Galler Stickerei: Mit dem Ende der Konzertreihe im Restaurant scheitert ein weiterer Versuch des Jazzvereins Gambrinus, sich in einem fixen Lokal zu etablieren. Essen mit Live-Musik kann aber funktionieren, wie sich andernorts zeigt.

Roger Berhalter
Drucken
Teilen
Vera Kaa singt im St. Galler Weinlokal 1733: Die Konzertreihe am Montagabend findet Anklang. (Bild: David Suter)

Vera Kaa singt im St. Galler Weinlokal 1733: Die Konzertreihe am Montagabend findet Anklang. (Bild: David Suter)

ST. GALLEN. Montagabend im Weinlokal 1733 an der Goliathgasse in St. Gallen. Die Luzerner Sängerin Vera Kaa gibt mit ihrer Band ein Konzert im bis auf den letzten Platz gefüllten Lokal. Knapp 60 Leute sind gekommen, haben an den Tischen Platz genommen, um zu essen, ein Glas Wein zu trinken und Live-Musik zu hören.

Das Konzept von «Live im 1733» kommt an. Seit einem knappen Jahr veranstaltet der Verein Gambrinus Jazz-Plus-Konzerte in der Weinbar. Gambrinus-Präsident Andreas B. Müller spricht von einem «konstant schönen bis grossen Interesse». Zwischen 30 und 60 Besucher zähle man jeweils am Montagabend. «Das sind natürlich nicht die grossen Zahlen», sagt Müller. Er betont aber die fast intime Atmosphäre der Konzertabende.

Zu laut für alle

Während sich «Live im 1733» eher an ein gesetztes Publikum richtet, fand die «wildere» Seite des Jazz in St. Gallen bis vor kurzem in der Stickerei ein Zuhause. Fast zwei Jahre lang traten dort von Herbst bis Frühling jeden Mittwochabend Jazz-Formationen und Vinyl-DJs auf, ebenfalls von Gambrinus gebucht. Doch nun hat der Jazzverein die Notbremse gezogen. Obwohl noch drei Anlässe geplant gewesen wären, ist die «Jazzstickerei» schon Ende November verstummt. «Die Ansprüche der Leute vor Ort waren zu verschieden», sagt Andreas B. Müller. Für jene, die in der Stickerei nur essen wollten, war die Musik zu laut, während die Gespräche der Restaurant-Gäste umgekehrt jene störten, die wegen der Musik gekommen waren. Es konnte vorkommen, dass während des Konzerts direkt neben den spielenden Musikern Studenten laut lachend ihre Ferienföteli am Laptop sortierten. Anfangs seien die Konzerte am Mittwochabend noch eine «willkommene Ergänzung» zum Restaurantbetrieb gewesen, sagt Müller. Doch das habe sich geändert. «Am Schluss war niemand mehr glücklich mit der Situation, so machte es keine Freude mehr.»

Interessiertes Publikum ist ideal

Die «Jazzstickerei» ist jetzt also wieder Geschichte und damit ein weiterer Versuch von Gambrinus gescheitert, sich an einem fixen Ort zu etablieren. Schon der «Gambrinus Jazzclub» an der Gartenstrasse – ebenfalls ein Miteinander von Gastronomie und Live-Musik – tönte nicht lange, und auch das als «New Jazzclub St. Gallen» angekündigte Vorhaben im ehemaligen Kastanienhof fand nur dreimal statt.

Umso bemerkenswerter ist es, dass im «1733» die Mischung aus Essen und Live-Musik funktioniert. Laut Müller kann man die Reihe nur bedingt mit jener in der Stickerei vergleichen. «Das <1733> war bisher montags geschlossen, öffnet also nur für unsere Konzerte.» So sei das Publikum weniger durchmischt. «Die Leute kommen wegen der Musik, das ist der Idealfall.»

Mehrere Gastspiele geplant

Was nun in St. Gallen vorläufig fehlt, ist eine Plattform für den jungen, experimentellen Jazz, der auch – oder gerade – in einer Bar funktioniert. Aber Gambrinus wolle nicht an einem Ort festhalten, sagt Müller. Man verfolge weiter die Idee eines «stadtweiten Jazzclubs» und plane 2015 wieder Gastspiele in verschiedenen Lokalen: Am 22. und 23. Januar organisiert Gambrinus im Palace Konzerte im Rahmen des «Suisse Diagonales»-Festivals, am 20. Februar ist die Band Sting Operation im Kaffeehaus zu Gast, und mit dem Jazzlabel ECM plant Gambrinus im Rock-Pop-Center an der Vonwilstrasse mehrere Konzerte vielversprechender junger Musiker.

Aktuelle Nachrichten