GALERIESCHLIESSUNG: «33 ist eine gute Zahl»

Die aus St. Gallen stammende Galeristin Susanna Kulli schliesst ihre Zürcher Galerie mit internationaler Ausstrahlung nach 33 Jahren Tätigkeit. Die Zentralbibliothek übernimmt ihr umfangreiches Künstlerarchiv.

Brigitte Schmid-Gugler
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Susanna Kulli hatte im Jahr 1984 ihre erste Galerie in St. Gallen eröffnet. Vor vierzehn Jahren verliess sie die Stadt und verlegte ihre Tätigkeit an die Dienerstrasse in Zürich. (Bild: KEY/Christian Beutler (Zürich, 15. März 2017))

Susanna Kulli hatte im Jahr 1984 ihre erste Galerie in St. Gallen eröffnet. Vor vierzehn Jahren verliess sie die Stadt und verlegte ihre Tätigkeit an die Dienerstrasse in Zürich. (Bild: KEY/Christian Beutler (Zürich, 15. März 2017))

Brigitte Schmid-Gugler

brigitte.schmid

@tagblatt.ch

Nichts deutet darauf hin, dass hier etwas geräumt werden müsste. Nicht einmal aufgeräumt müsste werden. In Susanna Kullis St. Galler Lager an der David-strasse, wo sich früher ihre Galerie befand, steht und liegt zwar das meiste gut verschnürt und eingepackt, doch vorläufig nicht zu Umzugszwecken. Sie wird Werke von Cracks wie John Armleder, Adrian Schiess oder Olivier Mosset, die sie lange Jahre in ihrer Programmgalerie betreute, weiterhin für Ausstellungsanfragen bereithalten. Neben Bildern, Skulpturen und Objekten stapeln sich im Lagerraum auch die Flachbildschirme und das ganze digitale Beigemüse einer Installation von Thomas Hirschhorn sowie ein Teil ihres schriftlichen Archivs.

Als Jochen Hesse, Leiter der Grafischen Sammlung und des Fotoarchivs der Zentralbibliothek Zürich, bei Susanna Kulli eine Ausstellung besuchen wollte, stiess er dort auf einen weit grösseren Teil ihrer Schriftensammlung. Die Galeristin war damit beschäftigt, das seit ihrer Zeit bei der legendären Erker-Galerie aufgebaute Archiv zu durchstöbern für das Buch, welches sie diesen Sommer herausgeben wird. Damals sei von der Schliessung der Galerie noch keine Rede gewesen, erzählt sie, doch die Frage, was sie dereinst mit ihrem umfangreichen Künstlerarchiv zu tun gedenke, habe das Gespräch dominiert. «Jochen Hesse kam später mit dem Vorschlag zu mir, die Zentralbibliothek könnte es übernehmen. Es soll digitalisiert und künftig der Öffentlichkeit zu Forschungs- und Informationszwecken zugänglich gemacht werden.» Sie habe das Angebot als grosse Ehre empfunden und werde den Schatz nun als Schenkung weitergeben im Sinne ihrer früheren Arbeitgeber und Lehrmeister Jürg Janett und Franz ­Larese. «Sie haben die Überzeugung vertreten, Grosszügigkeit gewinne immer.»

Ordnen als Gedächtnisstütze für die Zukunft

18 Laufmeter mit Presse- und Künstlerordnern. In Boxen sämtliche Details von der zeitlichen und geografischen Abfolge weiterer Ausstellungen, die bei Susanna Kulli erstmals gezeigt worden waren. Handschriftliche Korrespondenzen im Austausch mit Museen, Galerien, Kuratierenden und den von ihr betreuten Kunstschaffenden – viele davon mit Vielschreiber Hirschhorn. Weil Susanna Kulli dem fragilen Faxpapier nicht traute, kopierte sie zudem sämtliche ausgetauschten Faxnachrichten. Sie archivierte auch alle von den jeweiligen Kunstschaffenden selbstgestalteten Einladungskarten, teilweise in Techniken hergestellt, die längst der drucktechnischen Vergangenheit angehören und heutzutage als Trouvaillen gelten.

Ihre im Jahr 1996 eingeführten und beim Publikum sehr beliebten Künstlergespräche sind ebenso wie die Einführungsreden von Kunstfachverständigen auf Tonträgern festgehalten. Alles in allem ein fein säuberlich geordnetes Destillat einer Galeristin, die von sich sagt: «Ich tat es nicht für mich, doch ich verstand das akribische Ordnen als einen Teil meiner Arbeit, die ich auch meinen Mitarbeitenden auftrug.» Das Sammeln und genaue Ablegen sei immer auch ein Reflektieren ihrer persönlichen Entwicklung gewesen, erklärt Kulli. Die Mutter von zwei heute erwachsenen Töchtern war beruflich stark eingebunden in Zeiten umwälzender Veränderungen in der internationalen Kunstszene und auch des Feuilletons. Heute glaubt sie, dass das Modell der Programmgalerie neu besprochen und definiert werden müsse. Der veränderte Kunsthandel mit den vielen Messen und Auktionshäusern habe auch bei den Sammlern Spuren der Verunsicherung hinterlassen.

Erfahrungen, Wissen und Vernetzung weitergeben

Sie selber hatte sich bis 1994 Zeit gelassen, bis sie mit einem ersten eigenen Programm erstmals an die Art Basel ging. «Die Aufbauarbeit finde ich nach wie vor sehr wichtig. Sowohl Kunstschaffende als auch deren Vermittlerinnen und Vermittler sollten sich nicht nur von kapitalsteigernden Geschäften treiben lassen.» Dass diese Haltung sich bewährt hat, zeigen die Erfolge von Künstlern, bei denen manche Leute noch die Nase rümpften, als Susanna ­Kulli sie zum ersten Mal zeigte.

Das Ende von 33 Jahren ­Galeriebetrieb will sie nicht als Schlusspunkt verstanden wissen. Vielmehr öffne sie neue Fenster, «mache Durchzug, weil etwas Neues, noch nicht Spruchreifes kommen darf.» Ihre nach Hirschhorn benannte «flamme eternelle» werde nahe am generationenübergreifenden aktuellen Kunstgeschehen weiterbrennen.