Gala-Konzert in der Tonhalle: Aus dem Leben einer Primadonna

Die lettische Sopranistin Marina Rebeka und das Sinfonieorchester
St. Gallen haben französische Arien und Orchesterwerke auf CD eingespielt - und jetzt in einem Gala-Konzert präsentiert.

Bettina Kugler
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Janisdeinats

War es nun die Nachtigall, oder war es die Lerche? Schwer zu sagen, wenn die lettische Sopranistin Marina Rebeka in die Rolle Juliettes aus Charles Gounods Oper "Roméo et Juliette" schlüpft. Wenn sie in der Arie "Je veux vivre" vor Liebe und Lebenslust vibriert: in federleichten Aufschwüngen, mit dem Minimalgewicht einer Stimme, die auch zu tiefster Dramatik und üppiger Klangfülle befähigt ist.

Spätestens mit dieser Nummer hat sie das Publikum in der St. Galler Tonhalle so weit, dass es am liebsten aufspringen und nicht mit dem Applaudieren aufhören möchte. Oft genug hat die 1980 in Riga geborene Sängerin das erlebt: an den Salzburger Festspielen etwa, oder am Opernhaus Triest, nach ihrem Debüt als Norma - in den grossen Fussspuren von Maria Callas, die ebenfalls in Triest als Norma gefeiert wurde.

Opernheldinnen 

Für Zugaben freilich ist es da noch zu früh beim Gala-Konzert des Sinfonieorchesters St. Gallen: erst kommt die Pause. Weil Marina Rebeka jedoch Stargast des Abends ist, dreht sich auch im zweiten Konzertteil das Programm ganz um sie und ihre stimmlichen Stärken; es gibt also weiter Gelegenheit für Begeisterungsstürme. Zwar muss man verzichten auf italienischen Belcanto, auf Verdi, Bellini, Puccini, auf Violetta, Norma, Mimi und all die anderen tragischen Frauenfiguren, die sie so lebensecht und plastisch auf der Bühne verkörpert. Auch auf Donna Anna, die Gräfin Almaviva oder Tatiana aus "Eugen Onegin" - auf dem Pult von Michael Balke liegen ausschliesslich französische Partituren.

Das aber passt bestens zum aktuellen Spielplan am Theater St. Gallen, zu Gounods "Faust" und Jacques Offenbachs "La Belle Hélène". Und es hat  zudem handfeste Gründe: Im Mai 2019 hat Marina Rebeka mit dem Sinfonieorchester St. Gallen jene Arien und Orchesterwerke auf CD aufgenommen, die nun im Gala-Konzert zu hören waren.

Fein dosiertes Stimmvolumen

Entsprechend geschmeidig beherrscht das Orchester derzeit die Klangsprache der Franzosen, was sich schon zu Beginn in Ambroise Thomas' Ouvertüre zur Oper "Raymond" zeigte, in effektvollen Kontrasten zwischen melodischer Eleganz und schneidiger Theatralik, zwischen lyrischer Verspieltheit und grossem, bühnenfüllendem Drama.

Die Diva mit dem warmen Timbre zieht zunächst in Arien von Massenet und Debussy alle Register ihrer ungekünstelten Emotionalität und Ausdruckskraft. Dass sie dabei ihr Stimmvolumen so fein dosiert, ihre Farben mit jenen der Streicher und Bläser effektvoll mischt, lässt die Spitzentöne umso wirkungsvoller erstrahlen, zieht umso stärker in den Bann der Frauen, deren Schicksal sie in Minutenkürze auslotet: etwa Marguerite, die alle Hoffnung auf Fausts Rückkehr verloren hat.

Marina Rebeka duldet aber auch Götter neben sich: Orchestersolisten wie Fernando Gomes in Massenets traumwandlerischem Prélude "Le dernier sommeil de la Vierge" oder Konzertmeister Igor Keller in der klangschönen Méditation aus der Oper "Thaïs". Michael Balke, Erster ständiger Gastdirigent am Theater St. Gallen, interpretiert diese keineswegs klebrig süss, sondern flüssig, bewegt im Tempo, erst in der Solo-Reprise nach innen gekehrt. 

Den Franzosen blieb Marina Rebeka auch in den Zugaben treu - unter anderem der Habanera aus "Carmen". Noch einmal genügten ihr wenige Minuten, um Lust auf die ganze Oper, die ganze Frau zu machen. Und auf die ganze CD.