Gabriela Montero kann Musik einfach erzählen

ST. GALLEN. Beim Meisterzyklus-Konzert vorgestern in der Tonhalle war ein Klavierabend der gänzlich anderen Art zu erleben. Mit der Venezolanerin Gabriela Montero kam eine absolute Meisterin der Improvisation nach St. Gallen.

Martin Preisser
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ST. GALLEN. Beim Meisterzyklus-Konzert vorgestern in der Tonhalle war ein Klavierabend der gänzlich anderen Art zu erleben. Mit der Venezolanerin Gabriela Montero kam eine absolute Meisterin der Improvisation nach St. Gallen. Gibt man ihr ein Thema vor, spielt sie es zweimal an, dann öffnen sich die Schleusen ihrer pianistischen Phantasie auf einen Schlag. Grosse Klaviermusik nur für den Moment entsteht. Aus einem Schweizer Volkslied ein Stück ähnlich einer Bach-Toccata und Fuge, aus der Nationalhymne ein leidenschaftlicher Tango oder aus dem Song «Over the Rainbow» ein spätromantisches Stück, das den Vergleich mit einer packenden Rachmaninow-Etüde nicht zu scheuen braucht.

Musikgeschichte angezapft

Wenn Gabriela Montero improvisiert, ist das fern jeder Zirkusnummer. Aus einem einfachen Zitat entstehen ernsthafte Ad-hoc-Kompositionen, wobei Montero unmittelbar die ganze Geschichte und Stilbreite der Klaviermusik traumwandlerisch anzuzapfen weiss, aus dem Moment, für den Moment und für ein begeisterndes Hörerlebnis. Das St. Galler Publikum war hingerissen. Und wenn Gabriela Montero Komponiertes spielt, ist das ebenfalls ein Klavierabend der ganz anderen Qualität. Bei Liszts h-Moll-Sonate sitzt keine Künstlerin am Klavier, die sich eine perfekte Interpretation ausgedacht hat und sie dann mit letztmöglicher Akribie vorträgt. Nein, dieser schwere Liszt wirkt ganz natürlich, organisch, mit warmer Kraft. Montero erzählt das Werk mit Warmherzigkeit, fast ein wenig, als wenn man einem Märchen lauschen würde.

Sie unterzieht sich nicht dem Stress der Perfektion, sondern lässt die Musik sprechen, intensiv, einen Einfall nach dem anderen zeigend, begeisternd, mitreissend. Ein Klavierspiel, das die natürliche in Liszts Sonate längst innewohnende Energie einfach anzuzapfen und so zu natürlicher, fliessender und überraschend neu definierter Perfektion zu gelangen scheint.

Eindringlich und begeisternd

Montero hat in den lyrischen Teilen keine Angst, es fast ein wenig improvisierend schweben zu lassen, und in den kraftvoll-virtuosen Passagen keine Angst, Wildheit und Unbändigkeit (bei aller vorhandener pianistischer Beherrschung) zuzulassen. Mit solcher Art begeisternden Erzählens möchte man gerne weitere grosse Literatur von ihr erklärt bekommen! Bei den Brahms-Intermezzi op. 117 hat Montero ebenso eindringlich erzählt, hier von Melancholie und Schmerz. Ein unvergesslicher Abend!