Macht, Geld, Skandale: Regisseur Christoph Frick inszeniert ein Stück über den Weltfussballverband. Ein Besuch auf dem Kunstrasen.
Hätten die griechischen Tragödiendichter die Fifa und den Fussball gekannt, sie hätten unzählige Verse darüber gedichtet. Die Fifa und ihr globales Wohlfühlprodukt Fussball bieten so viel Futter für dramatische Stoffe, dass einem schon beim Aufzählen möglicher Themen schwindlig wird: märchenhafte Aufstiege aus der Armutsfalle und Abstürze ins Jammertal der Drogen, Torschüsse, die Millionen aufs Konto spülen, Deals unter den Mächtigsten der Welt, Intrigen, Königsmacher und gestürzte Könige oder eindrucksvolle Inszenierungen von Macht, wie der 240 Millionen teure Fifa-Hauptsitz in Zürich.
Ein bisschen schwindlig wurde es auch Christoph Frick, 59, als er sich vornahm, am Konzert Theater Bern ein Stück über die Fifa zu inszenieren. «Es ist ein super Thema, und gleichzeitig kann könnte man daran verzweifeln», sagt er. Jeder, der sich intensiv mit der Fifa beschäftigt, weiss, dass man sich in den Verästelungen der Affären schnell im Hunderttausendfachen verliert. Die Unübersichtlichkeit des Fussballverbandes ist eine direkte Folge seiner permanenten Bemühung um Verdunkelung.
Und die findet Frick besonders spannend. Denn der Regisseur hat in den letzten Jahren eine regelrechte Obsession für Betrüger entwickelt. An der Dresdner Bürgerbühne entwickelte er mit seiner Freien Gruppe Klara Theaterproduktionen das Stück «Abgezockt» (2017) mit betrogenen und betrügenden Dresdner Bürgern. Auch seine Inszenierung «Hochstapler und Falschspieler» (2009) untersuchte die kometenhaften Aufstiege von Blendern in unserer Gesellschaft. Gerade kürzlich hat er auch das unmaskierte Verbrechen kennen gelernt, als er für seine neueste Produktion «Palmasola» eine kolumbianische Gefangenenstadt besuchte.
«Betrug hat für mich etwas Faszinierendes, weil es dafür eine Kunstfertigkeit braucht», sagt Frick. Im Fall der Fifa fordert er riesige Opfer, denn die Welt sitzt an den Weltmeisterschaften vorm Fernseher, eine einmalige Situation, die nur der Fussball schafft. Selbst das Schauspielteam, das Frick zum Aufwärmen täglich bis zu einer Stunde kicken lässt, hat mir der Fifa in irgendeiner Form schon Geschäfte gemacht. Eine Schauspielerin tanzte während des deutschen Sommermärchens in der VIP-Lounge – sie brauchte das Geld. Ein anderer hat einen Werbespot mit Franz Beckenbauer gedreht. Zwei Darsteller spielten in ihrer Jugend Fussball auf hohem Niveau. Einer davon zog sogar eine Profikarriere in Betracht. Diese kollektive, mächtige Verdrängungsleistung, die jeder Sportfan täglich erbringt, wird ein wichtiger Aspekt des Stückes sein.
Einen Blick hinter die sportive Kulisse bekommt man auch auf der mit Kunstrasen ausgelegten Probebühne des Konzert Theater Bern. Die mit Post-it-Zetteln und Fotos zugekleisterten Wände erinnern an die Klischee-Kommissariate aus dem Fernsehen. Sie zeichnen verschiedene Deals nach, etwa denjenigen, der den schönen Traum vom Sommermärchen 2006 in Deutschland einst wahr machte.
Frick und sein Team haben ihren Job gründlich gemacht: Sie sprachen mit dem gestürzten Fifa-Chef Sepp Blatter («ein Anekdotenfestival») und haben es bei Gianni Infantino zumindest versucht. Sie haben das langweilige, weil widerspruchsfreie Fifa-Museum besucht und mit den YB-Junioren trainiert. Sie haben Mentalcoachs befragt und bekamen Einblicke vom investigativen Journalisten Thomas Kistner, der in seinem Buch «Die Fifa-Mafia» die Skandale detailreich aufgearbeitet hat. Gerne hätte Frick auch noch einen PR-Berater zu den Widersprüchen der Fifa befragt, die sich auf ihrer Webseite für Gleichberechtigung, Bescheidenheit und Entwicklungshilfe einsetzt, aber faktisch anders handelt.
Steilpässe hat die Fifa dem Team, das gemeinsam für das Bühnenstück recherchierte, also zu Genüge gegeben. Doch wie schiesst man zurück? In einer Bühnensituation mit zehn Schauspielern, Livevideoschnitten und Livemusik will Frick modellhaft gewisse Mechanismen der Vertuschung beleuchten, etwa die Kunst des Abwiegelns, die Kunst, Fragen nicht zu beantworten, oder die Kunst, auf Zeit zu spielen. Er will erklären, wie Fussball als Gleitmittel für Geopolitik funktioniert, und auch den Verrat an den Fans thematisieren, teilweise auch mit persönlichen Geschichten, welche sein Team recherchiert hat. Wird er die Fifa damit an die Wand spielen können? Frick lacht.
«Natürlich nicht. Aber ich finde es wichtig, dass man wenigstens wie ein David gegen Goliath in den Ring steigt.»
Konzert Theater Bern
Vidmarhallen
Premiere: 19.12. bis 29.5.
www.konzerttheaterbern.ch