Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Für einen Knüller gehen sie über Leichen

Sie rauchen, spielen Poker, und sind alle auf den Coup aus: Billy Wilder liess in «The Front Page» von 1974 kein gutes Haar an Journalisten. Doch ein Körnchen Wahrheit steckt im Film, sagt Hanspeter Trütsch.
Julia Nehmiz
Hanspeter Trütsch, St.Galler Journalist. (Bild: Benjamin Manser)

Hanspeter Trütsch, St.Galler Journalist. (Bild: Benjamin Manser)

Da sitzen die Reporter der Chicagoer Zeitungen im Presseraum des Gerichtsgebäudes und zocken Poker. Sie rauchen wie die Schlote, reissen derbe Witze, beschimpfen sich und die Gefängniswärter und belauern einander auf der Suche nach der grossen Knallergeschichte. Billy Wilder hat für seinen Klassiker «The Front Page» aus dem vollen Klischee geschöpft.

Der Chefredaktor? Ein fieser Schurke, der auf einem Feldbett im Büro schläft und für eine gute Story über Leichen geht. Als sein Chefreporter kündigen will, um zu heiraten und bei einer Werbeagentur anzuheuern, ersinnt er unglaubliche Tricks, um die Hochzeit zu verhindern und den Reporter zu behalten. Als dann der verurteilte Todeskandidat aus der Zelle ausbricht und dem Reporter vor die Füsse fällt, wittert dieser die grosse Story, fängt wieder Feuer und riskiert seine Hochzeit.

Wilder inszenierte eine rasante Screwball-Komödie, Jack Lemmon und Walter Matthau liefern sich einen wunderbaren Schlagabtausch. Die Besucher im St. Galler Kinok amüsieren sich. Doch ist es wirklich so schlimm um den Journalismus bestellt, wie der Film von 1974 behauptet?

Parallelen zwischen Fiktion und Wirklichkeit

«Na, ein wahres Kernchen steckt schon drin», sagt Hanspeter Trütsch. Der langjährige Leiter der Bundeshausredaktion des Schweizer Fernsehens muss es wissen – 1977 startete er im Journalismus, im Januar dieses Jahres ging er in Ruhestand. 41 Jahre politische Berichterstattung, es ist klar, dass Trütsch nicht solche turbulenten Verwicklungen erlebte wie im Film. Trotzdem erkennt er viele Parallelen zwischen Fiktion und Wirklichkeit.

Der Konkurrenzdruck, den die Reporter im Film erleben, die krampfhafte Suche nach einer Story, das gebe es so auch. Wobei: «Früher habe ich das extremer erlebt, die Titelvielfalt in der Schweiz war grösser als heute», sagt Trütsch. Die Schweizer Medienlandschaft bestehe heute nur noch aus wenigen Playern, es gebe also weniger Konkurrenten.

Und: Für Journalisten sei es heute schwieriger, wirkliche Storys zu entdecken. «Man wird eingedeckt mit täglicher Arbeit, steckt ritualisiert im Hamsterrad der News fest, dass eine vertiefte Recherche oft zu kurz kommt.» Im Tagesjournalismus fasse man morgens ein Thema, dass abends gesendet wird.

Trütsch gab die Filmkassetten dem SBB-Kondukteur mit

Klar, Journalisten als Suchthaufen, die korrupt sind und exzessiv rauchen und saufen, das habe er so nie erlebt. Auch nicht so einen hinterhältigen Chefredaktor, der mit allen Mitteln an eine grosse Story will. Dennoch: «Chefs schauen, welche Artikel online geklickt werden, die Mechanismen sind die gleichen.»

In Wilders Komödie fänden sich viele Hinweise, wie die Medienlandschaft funktioniere: Die Reporter geben per Telefon die News durch, und jeder erzählt etwas Anderes – Wilder nahm quasi Fake-News vorweg und zeigte ein Lehrstück für guten Journalismus, sagt Trütsch:

«Es braucht immer mehr als eine Quelle, um eine Geschichte festzumachen.»

Auch wenn die Journalisten als korrumpierende, schlechte vierte Gewalt dargestellt würden, ohne jeglichen ethischen Anspruch, so amüsiere der Film nicht nur, sondern rege auch zum Nachdenken an. Was soll und kann Journalismus?

Diese Frage stellt sich Trütsch auch heute noch. Er beobachtet die Entwicklungen in der Schweizer Medienlandschaft kritisch. Die «Gegenseite» rüstet auf, Behörden, Politiker, Unternehmen, Gemeinden, sie alle stellen ehemalige Journalisten – Medienprofis – als Presseverantwortliche ein. Verschicken zuhauf perfekt formulierte Mediencommuniqués, laden ein zu Mediengesprächen, wollen ihren Ideen zum Durchbruch verhelfen.

«Die versuchte Einflussnahme durch Public Relations ist ein Problem.»

Journalisten stehen vermehrt unter immer grösserem Zeitdruck. Zudem werden viele ­Themenbereiche komplexer, es brauche Fachwissen, um sie zu verstehen. Leserinnen und Lesern geht es nicht darum, als Erste etwas zu erfahren, sondern dass die News hinterfragt, analysiert und eingebettet werden, so dass man sich orientieren kann.

Und wie zum Beweis scrollt Trütsch auf seinem Smartphone durch Schweizer Newsseiten: kein Primeur, ­nirgends.

Der Film zeige auch den Wandel der Technologie. Zu Beginn seiner Karriere ist Trütsch noch mit Filmkassetten nach Zürich gefahren. Oder er hat sie in Chur dem SBB-Kondukteur mitgegeben, damit der sie nach Zürich brachte. Heute kann jeder mit dem Smartphone filmen.

Doch trotz aller Fortschritte: Ob eine Geschichte gut ist und gelesen wird, das hängt auch immer noch am Erzählstil des Journalisten.

Filmreihe «Beruf: Reporter», Juli und August 2018 im Kinok St.Gallen

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.