St.Galler Neujahrskonzert: Für diese Walzer schmort man gerne in der Hölle

Das Neue Jahr begann in der Tonhalle St. Gallen mit schmissiger, farbiger, aber auch verträumter Musik. Der junge Wiener Dirigent Philipp Pointner erwies sich als kluger Anwalt dieser unsterblichen Klänge.

Martin Preisser
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Philipp Pointner dirigierte das St. Galler Neujahrskonzert in der Tonhalle.

Philipp Pointner dirigierte das St. Galler Neujahrskonzert in der Tonhalle.

PD

Erfindungen des Teufels sei die Musik der Wiener Walzerdynastie Strauss, wetterte damals ein theologischer Zeitgenosse über die unwiderstehliche Verführungskraft dieser charmanten Klänge. Und auch nach dem Neujahrskonzert des Sinfonieorchesters St.Gallen war klar: Man möchte eigentlich gerne für diese Rhythmen im Dreivierteltakt ein wenig im Fegefeuer schmoren.

Das Orchester hat den jungen Wiener Dirigenten Philipp Pointner eingeladen. Der machte seine Sache ausgesprochen gut. Die Musik der Walzerkönige kam transparent, frisch, direkt und vor allem immer schwungvoll. Gerade nicht die berühmten Ohrwürmer waren aufs Programm gesetzt worden, sondern viele Entdeckungen aus der reichen Welt der Strauss-Familie.

Musik der Strauss-Familie ist viel mehr als nur Walzer

Ganz ungehemmt, virtuos und sehr präzis kam da etwa die «Furioso-Polka» von Johann Strauss (Sohn). Und als ein echtes Praliné, elegant und luftig leicht erwiesen sich seine «Myrthenblüten». Musik der Strauss-Söhne Eduard, Johann und Josef und des Vaters Johann ist eben nicht nur fetziger Walzerklang, sondern verströmt immer auch ganz feine Emotionen, etwa in der verträumten Einleitung zu «Dynamiden» von Josef Strauss.

Unsterbliche Musik: Das Denkmal für Johann Strauss (Sohn) im Wiener Stadtpark.

Unsterbliche Musik: Das Denkmal für Johann Strauss (Sohn) im Wiener Stadtpark.

Martin Preisser

Philipp Pointner hielt das Orchester stets zu viel Farbigkeit und konzentriertem rhythmischem Fluss an. So verströmte nicht nur der Schlussakkord der «Amouretten» von Sohn Josef überzeugende Klangnuancen. Die St. Galler Musiker beherrschen die Eigenart der Wiener Klänge und lebten den Spass und die Begeisterung über diesen unsterblichen musikalischen Charme nicht nur hörbar, sondern im Verlauf des Abends auch immer sichtbarer aus. Und Dirigent Philipp Pointner kennt diese Musik auch in ihren manchmal anspruchsvollen Details genau. 

Dem Orchester gelang ein kräftiges Neujahrs-Feeling

Die Musik der Strauss-Familie, aber auch von Jacques Offenbach oder Franz von Suppé mache süchtig: Das Bild von der süssen Droge war nur eines in der launig-humorvollen Moderation von Schauspieler Bruno Riedl, der es bestens verstand, die Faszination dieser Musik auch sprachlich keck fassbar zu machen. Mit vielen Anekdoten und pointenreichen Details aus der Zeit der Strauss-Familie liess er auch ein Stück Wiener Sozialgeschichte lebendig werden. 

Dem Sinfonieorchester St.Gallen gelang ein kräftiges Neujahrs-Feeling, auch mit orientalischem Verve im «Persischen Marsch» von Johann Strauss (Sohn) und glitzernd, schmissig, schillernd im mitreissenden Cancan aus Offenbachs Ouvertüre zu «Orpheus in der Unterwelt». Und mit den unverzichtbaren Publikumslieblingen, dem «Donauwalzer» und dem «Radetzky-Marsch» als Pflichtzugaben glückte auch ein Brückenschlag nach Wien, wo die Wiener Philharmoniker (mit dem selben Zugabe-Ritual) unter Andris Nelsons das Neue Jahr begrüssten. (map)